BLICKWINKEL

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Strichmännchenbilder

Jede Krise ist eine Chance – aber was, wenn sie nicht vorbei geht? Wir alle können das C-Wort nicht mehr hören. Wohl jeder wünscht sich eine Rückkehr zum normalen Alltag, der für uns pflegende Familien schon vor der Pandemie ein täglicher Kraftakt war. Ich hoffe, dass wir bald wieder kleine Auszeiten nehmen können. Ich schmiede erste Pläne. Unsere Post-Corona-Bucket-Liste sieht unter anderem vor: 1. Mit Freund*innen einen schönen Abend verbringen – mit Cocktails auf einer Terrasse oder im Biergarten 2. Ans Meer fahren – ein riesiger Wunsch unserer Tochter, die mit vier noch nie einen Strand unter den Füßen hatte. 3. Unseren 10ten Hochzeitstag (nach)feiern mit irgendwas, das an Marokko erinnert, sei es ein Hamam oder gutes Essen zu zweit. Eigentlich wollten wir dazu nach Marrakesch zurückkehren, das war unser wohl schönster Urlaub mit unserem alten, ausgebauten Bus, bevor wir Eltern und zum „privaten Pflegedienst“ wurden.

Oh dieses Fernweh! Einige fahren bereits in den Urlaub. Auch wir sind inzwischen zweimal geimpft, aber wir trauen uns nicht so schnell. Zu groß die Angst, dass unser Junior sich infiziert. Was mir in all den Jahren wichtig war, ist, an mein altes Ich anzuknüpfen, das mir so oft verloren schien. Was macht mich aus, was ist mir wichtig im Leben und uns als Paar. Denn das Reisen, unser großes gemeinsames Hobby, ist auch ohne Pandemie so gut wie nicht drin, von der gesundheitlichen Situation bedingt, den Kosten und nicht zuletzt der fehlenden Kraft. Also was dann? Wir sind beide kreativ, aber jeder für sich. Beide gerne im Grünen. Wir waren beide so kleine Hippies als wir uns kennenlernten und jetzt? Genau von dieser Menschengruppe, die mich früher prägte, fühle ich mich seit Corona sehr entfremdet. Ich bin überrascht, wie viele sich als kritisch Denkende einstufen, während sie abstruse Theorien teilen. Ja, auch wir sind dankbar für alternative Behandlungsmethoden – aber wir kämen nie auf die Idee hinter schulmedizinischer Forschung eine Verschwörung zu vermuten. Wir sind auch nicht zufrieden mit vielen Vorgaben, hätten uns statt mehreren halbschaurigen ein, zwei konsequente Lockdowns gewünscht. Aber, dass Eltern sich nun mit „besorgten Bürgern“ zusammentun und Kinderschuhe vor Rathäusern abstellen, um gegen Tests und Masken zu demonstrieren? Das finde ich unglaublich kurzsichtig und außerdem unsolidarisch mit Risikogruppen.

Die Masken fallen bereits jetzt. Oder in der allgemeinen Erschöpfung und Frustration gehen Menschen Wege, die ich nicht nachvollziehen kann und will. Einige Freundschaften kommen ins Wanken, das tut mir in der Seele weh. Auch ich bin nicht glücklich mit vielen Entscheidungen der Politik und ich leide mit allen, deren Existenzen bedroht sind. Trotzdem ist weder Verharmlosung noch Panik angebracht. Zu schnelle Lockerungen für Geimpfte und Genese sehe ich auch ungerne. Doch von einer Zweiklassengesellschaft zu sprechen – ist das angebracht? Ja, und zwar schon lange: Die gesetzlich und privat Versicherten, die gesunden Menschen und die, die schwer erkrankt und behindert sind und tagtäglich gegen unzählige Barrieren ankämpfen! Wie sich Privilegierte zu Opfern hochstilisieren ertrage ich kaum. Ich halte es hier mit Immanuel, der mir sonst oft zu spröde ist: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“ Und ich hoffe, dass wir alle wieder weniger Hürden und Vorschriften vorgesetzt bekommen und lernen unsere Freiheit zu schätzen.

Ein Beitrag von Verena Niethammer

Fair Fashion

Kinder tragen Schüsseln auf dem Kopf

In den letzten Jahren hat sich das Bewusstsein gegenüber unserer Umwelt und somit auch unserem Planeten verändert. Große Industriekonzerne produzieren oftmals billige Massenware – die Folge dieser Billigproduktionen kennen wir mittlerweile alle: Zerstörung der Umwelt, Reduktion wichtiger Ressourcen, Ausbeutung der Menschen der sogenannten Dritten Welt, teilweise sogar Kinderarbeit.
Viele Menschen möchten das nicht mehr hinnehmen und entscheiden sich für faire Produkte wie z. B. Blumen, Kaffee, Schokolade oder faire Kleidung.
Unsere Kleidung steckt oft voller Chemie das schadet unserer Gesundheit. Beinahe die gesamte Outdoorbekleidung, wind- oder wasserabweisende Stoffe werden aus Plastik produziert. Unsere Alltagskleidung enthält teilweise Erdöl oder andere giftige Substanzen.
Durch diesen häufigen Einsatz von chemischen Stoffen reagieren Menschen mehr und mehr mit Allergien, besonders Kinder sind davon betroffen.

Kleidung auf einem Garderobenständer

Das blau-grüne Logo des Fairtrade-Siegels gibt es auf immer mehr Produkten, so auch auf Kleidung. Aber was bedeutet denn eigentlich in Verbindung mit Kleidung „fair“? Hersteller möchten die Fehler und Probleme der konventionellen Textilproduktion verhindern oder zumindest verringern. Durch den fairen Handel soll vor allem soziale Ausbeutung vermieden werden, doch auch der Schutz von Umwelt und Ressourcen spielt eine wichtige Rolle. Zudem sind die Kleinbauernfamilien nicht mehr so stark den Schwankungen der Weltmarktpreise ausgesetzt. Besonders wichtig ist außerdem die Transparenz. Waren mit Fairtrade-Siegel sind nachverfolgbar. So kann man jeden Schritt der Produktion kontrollieren.

In den letzten Jahren hat sich ein breiteres Angebot an nachhaltig produzierter und fair gehandelter Kleidung etabliert, Transparenz und Kontrolle der Produktionsketten sind besonders wichtig. Da von den Kundinnen und Kunden nicht alle Einzelheiten überprüft werden können, verlassen sie sich auf Gütesiegel und Zertifikate und hiervon gibt es zahlreiche. Organisationen und Initiativen stellen so sicher, dass die relevanten Informationen direkt erkennbar sind. Etiketten wie GOTS (Global Organic Textile Standard), Fairtrade Cotton, Grüner Knopf oder Grüne Erde können eine erste Orientierung geben.

Einfacher ist es schon, sich beim Kauf eines Kleidungsstücks einige Gedanken zu machen. Ist die Anschaffung wirklich nötig? Wie ist die Qualität der Kleidung? Ein gut verarbeitetes Produkt hält beispielsweise länger als Billigware, die nach einigen Monaten ersetzt werden muss. Schonend mit seiner Kleidung umzugehen, kleinere Änderungsarbeiten selbst durchzuführen, ist umweltschonend und spart Ressourcen, auch Secondhandläden und Flohmarktbesuche liegen voll im Trend.

Fairtrade Logo

Fotos: paul prescott_shutterstock.com, Papa Annur_shutterstock.com
Quellen: fairekleidung.com, aok.de
Fairtrade-Siegel: TransFair e.V. (Fairtrade Deutschland)

Gut vorbereitet zum ersten Job

Stil- und Bewerbungstraining an der SRH Stephen-Hawking-Schule

„BOSS“ heißt das Unterrichtsfach „Berufsorientierung“ an den Sonderberufsfachschulen der SRH Stephen-­Hawking-Schule in Neckargemünd. Auf ihrem Weg zur selbstständigen Lebensführung werden die Schüler:innen auf den Einstieg ins Berufsleben vorbereitet. Um möglichst nah an der Praxis zu sein, lädt Sonderschullehrerin Kira Glückert gerne Gäste ein: Auszubildende, Personaler, Behindertenvertreter, Vertreter der Agentur für Arbeit, Business-Trainer und bereits im Berufsleben stehende Personen.

Dress for Success
Kira Glückert

Nach dem Erstellen von analogen sowie digitalen Bewerbungsunterlagen arbeiten die Schüler:innen im BOSS-Unterricht „an einem gelungenen Bewerbungsoutfit bzw. einem stilsicheren äußeren Erscheinungsbild“, erzählt sie. „Die Schüler:innen haben Anziehpuppen mit entsprechenden Kleidungsstücken ausstatten dürfen. Zudem haben sie sich in ihrem Bewerbungsoutfit fotografiert, und in der Klasse wurde dann das Kleidungsensemble anhand des mitgebrachten Fotos bewertet. So erlangen die Schüler:innen Sicherheit in der Wahl passender Kleidungsstücke und Accessoires.“
„Stilsicher“ machen die Schüler:innen dann normalerweise ihre ersten Schritte ins Berufsleben während zweier Praktikumswochen, auf die während des BOSS-Unterrichts hingearbeitet wird. Wegen Corona findet das Praktikum diesmal nicht statt. Engagiert organisiert Kira Glückert deshalb eine Online-Themenwoche mit vielen Vertreter:innen aus der Arbeitswelt.

Als Auftakt zur Online-Themenwoche gibt Nadja Kilian den Arbeitnehmer:innen in spe Tipps zum gelungenen Verhalten in Bezug auf alles rund um das Bewerben. Schon zum fünften Mal ist die Business-Benimm-Trainerin der AOK Baden-Württemberg zu Gast im BOSS-Unterricht, diesmal digital.

Respekt ist das A und O

„Der erste Eindruck zählt“, sagt Nadja Kilian während ihres Vortrags und macht klar: „Den ersten Eindruck gewinnt der Arbeitgeber nicht unbedingt beim Vorstellungsgespräch. Wer weiß, ob er nicht im selben Bus zur Arbeit fährt oder beim gemeinsamen Mittagessen vor dem Gespräch in der Nähe ist.“ Deshalb gelte als Grundregel, anderen immer höflich und respektvoll zu begegnen. „Respektiere dich selbst, wenn du willst, dass andere dich respektieren sollen“, gibt sie den Schüler:innen mit auf den Weg und erzählt die Geschichte von Adolph Freiherr von Knigge. Er wurde als junger Mann dafür bestraft, dass er einem Mädchen die Schuhe geklaut hatte, so dass sie barfuß war. Er musste sie daraufhin heiraten. Dabei war ihm zuvor nicht bekannt, dass er das Mädchen durch seinen Streich „beschämt“. Um Mitbürger vor solcher Unwissenheit zu schützen, schrieb er den Leitfaden „Über den Umgang mit Menschen“.

So nicht Mädchen
Oberstes Gebot ist Pünktlichkeit

Geschickt nutzt Kilian die rege Diskussion im Chat, um Folie für Folie ihrer PowerPoint-Präsentation wichtige Botschaften zum passenden Foto in Bewerbungsschreiben, zu der korrekten Ansprache sowie hierarchischen Begrüßung einfließen zu lassen. „Ganz wichtig: Pünktlich sein!“ – beim Vorstellungsgespräch sowieso, aber auch später im Arbeitsleben. Im Bus freue sich jeder Mitfahrer über Hilfsbereitschaft, dezentes Verhalten und möglichst keine oder nur kurze, leise Handy-Gespräche. Denn vielleicht hört ja gerade ein dem Bewerber unbekannter Mitarbeiter im öffentlichen Verkehrsmittel den „Tratsch“ über die Firma mit. „Waschen Sie Ihre Hände vor der Vorstellungsrunde mit kaltem Wasser und Seife“, rät sie, „das hilft gegen Schwitzen und wirkt frisch.“ Sogar die Stärke des Händedrucks macht was mit dem Gegenüber. „Drücken Sie also fest, aber nicht zu fest, die Hand. Wenn das mal wieder geht …“, empfiehlt Nadja Kilian.

So Mädchen
Auch online:
aufrecht sitzen

Und da es ein Online-Training ist, gibt es natürlich auch hierfür Tipps: „Sorgen Sie für Ruhe im Raum, begrüßen Sie Gesprächspartner höflich, möglichst mit Nennung Ihres Namens.“ Und bei Fortbildungen, die länger dauern: „Schlafen ist out! Lümmeln Sie sich nicht hin, sondern rücken Sie mit dem Po ganz zurück an die Stuhllehne: So sitzen Sie aufrecht und wirken gleich aufmerksamer.“ Im Nu sind die kurzweiligen wie interessanten zwei Unterrichtsstunden vorüber. „Danke, danke, danke“ prasselt es in den Videochats. Kira Glückert freut sich, dass die diversen Informationen zum richtigen Verhalten Anklang bei den Schüler:innen gefunden haben. Um ihre didaktischen Erfahrungen an Lehrkräfte weitergeben zu können, hat Kira Glückert das Buch „Dress for Success. Unterricht zur gelungenen Kleiderwahl und zum äußeren Erscheinungsbild für Vorstellungsgespräche“ (GRIN Verlag, München) geschrieben. Weil nun Zeit fürs Mittagessen in der schuleigenen Mensa ist, rät sie ihren Schülerinnen und Schülern: „Tun Sie jetzt doch mal so, als wären Sie mit Ihrem Chef essen!“

Informationen zur Berufsorientierung an der SRH Stephen-­Hawking-Schule auf:

www.stephenhawkingschule.de

https://www.youtube.com/watch?v=JpvIFTmtPtc

Unternehmensprofil:

SRH | Stephen-Hawking-Schule
Die SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckar­gemünd ist ein staatlich anerkanntes sonder­pädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung mit Internat.
Seit unserer Gründung vor mehr als 40 Jahren unterstützen wir unsere Schüler so, dass sie möglichst früh selbstständigen lernen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. In elf Bildungsgängen von der Grundschule bis zum Gymnasium ermöglichen wir bestmögliche Schulabschlüsse. Unser vielfältiges Bildungsangebot bieten wir auch im Rahmen von Kooperationen mit öffentlichen Regelschulen an, um unseren behinderten Schülern einen wohnortnahen Schulbesuch zu ermöglichen

SRH Schulen Logo

Text und Fotos: SRH Schulen

Anpfiff ins Leben

Ein Traum wird wahr:
Simon Dornblüth steht bald für seinen Lieblingsverein auf dem Platz

Seitdem er denken kann, ist Simon Dornblüth HSV-Fan.

Mit acht Jahren war er zum ersten Mal im Stadion, etwas später durfte er sogar zweimal mit seinen Idolen Hand in Hand auf den Platz einlaufen. Selbst irgendwann einmal die blau-weiß-schwarze Raute auf der Brust tragen zu dürfen, schien ihm damals wie ein weit entfernter Traum – eine utopische Zukunftsvision.

Simon Dornblüth
Simon Dronblüth

Der gebürtige Hamburger hatte keinen leichten Start ins Leben: Bei seiner Geburt gab es Komplikationen – Simon kam ohne linken Unterschenkel auf die Welt. „Normal“ Fußball spielen zu können, wie so viele Kinder in seinem Alter, war ihm nie möglich. Und dennoch schlug sein Herz stets für das runde Leder.

Zwar erfuhr er schon recht früh vom Amputierten-Sport und spielte selbst kurze Zeit Fußball in einem Verein in Karlsruhe, wo er einige Jahre mit seiner Familie lebte. Seinen sportlichen Fokus legte er zunächst jedoch auf die Leichtathletik: „Da habe ich für mich einfach mehr Möglichkeiten gesehen“, erzählt der heute 20-Jährige – bis zu einem Sommertag im Jahr 2020, als er Hamed Sagar begegnete. Hamed spielt selbst seit Längerem Amputierten-Fußball und wurde jüngst sogar für den Perspektivkader der Nationalmannschaft nominiert. An diesem Tag begegnete er Simon auf dessen alltäglichem Weg zur Berufsschule in Lüneburg, wo beide aktuell wohnen. „Er hat gesehen, dass ich auch einen amputierten Unterschenkel habe“, erinnert sich Simon. Kurzerhand sprach Hamed ihn an und fragte, ob er ihn nicht einmal zu seiner Trainingsstätte nach Braunschweig begleiten wolle. Gesagt, getan: Kurze Zeit später kam Simon mit und kickt seitdem ebenfalls in Braunschweig. Für das regelmäßige Training nehmen beide pro Strecke ganze zwei Stunden Fahrt in Kauf. „Mittlerweile sind Hamed und ich wirklich gute Freunde“, meint Simon. Im Sommer 2020, als der reguläre Trainingsbetrieb wegen Corona stilllag, trainierten sie fast täglich zu zweit in Lüneburg. Sich alleine hält Simon auch gerne mit den Trainingsvideos fit, die die gemeinnützige Organisation „Anpfiff ins Leben“ speziell für Menschen mit Amputation erstellt hat. Zu finden sind diese u. a. auf dem YouTube-Kanal „Amputiertensport bei Anpfiff ins Leben“. Die NGO aus dem badischen Walldorf ist es auch, die die Entwicklung des Amputierten-Fußballs deutschlandweit vorantreibt.

So gelang es auch, ab 2021 zwei weitere Vereine für die Sportart zu gewinnen und somit in Norddeutschland zwei neue Stützpunkte aufzubauen. Ein großes Glück für Simon, denn neben Hoffenheim, Düsseldorf und Braunschweig sind nun auch Berlin und Hamburg neue Anlaufstellen zum Kicken auf Krücken. Dass in der Hansestadt ausgerechnet sein HSV ein Team stellen und er gemeinsam mit Hamed und neuen Interessierten auf dem Platz stehen wird, bedeutet ihm sehr viel: „Darauf freue ich mich natürlich sehr. Für meinen Heimatverein aufzulaufen, macht mich sehr stolz.“ Was er sich sportlich für die Zukunft vornimmt? Für die neue deutschlandweite Liga möchte er gemeinsam mit dem Team eine gute Spielidee entwickeln, die Sportart weiter vorantreiben und jede Menge Spaß haben.

Ebenso wie im Sport weiß Simon auch beruflich genau, wo es hingehen soll. Nach seinem Abitur 2019 fing er gleich eine Ausbildung zum Orthopädietechnik-Mechaniker an. Sein eigenes Schicksal spielte für diese Entscheidung natürlich eine große Rolle.

„Sich selbst helfen zu können und technisch alles zu verstehen, ist mir sehr wichtig“, verrät er.

In der Zukunft möchte er sich seine Prothesen für den Alltag selbst bauen können. Simon blickt also voller Optimismus nach vorne. Und wenn es aufgrund seiner Einschränkung mal nicht so läuft wie gewünscht, wird er sich weiter durchkämpfen. Schließlich ist es kein Zufall, dass sein Lieblingsspieler ausgerechnet der HSV-Profi Rick van Drongelen ist: Warum genau? „Als Verteidiger ist er ein richtiger Kämpfer“, findet Simon – genau wie er selbst.

Simon Dornblüth spielt auf Krücken Fußball

Kontakt Anpfiff ins Leben:
Christian Heintz
0151 20919552 | c.heintz@ail-ev.de

Text: Sophie Krischa, Fotos: Simon Dornblüth

Neutrales Netzwerk rehaKIND sichert Chancen von Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedürfnissen

Zwei Kinder, eins im Rollstuhl

Mein Kind ist behindert – was nun? Oft dauert es für ­Eltern quälend lang, bis die richtige Diagnose gefunden ist: Therapien, OPs, pflegerische Maßnahmen und sehr oft sind Hilfsmittel notwendig, um diesen Kindern und ihren Familien den Alltag zu erleichtern, die Entwicklung zu fördern, Schmerzen zu verhindern und soziale Teilhabe zu sichern. Diese Kinder haben dank des medizinischen Fortschritts mittlerweile eine Zukunft, aber oft muss das Recht auf angemessene Versorgung und Unterstützung aufwendig eingefordert werden. Für viele Familien ist das in ihrem aufreibenden Alltag nicht zu schaffen.

Kinder + Hilfsmittel = rehaKIND

rehaKIND unterstützt bei der Suche nach Fachleuten, ­Therapien und den passenden Versorgungskonzepten: Ärzte, Therapeuten und Reha-Techniker müssen gemeinsam mit den Familien Lösungen finden. Der Verein bündelt praktisches Wissen für Betroffene und Fachleute. Auf der Website gibt es Infos über geeignete Hilfsmittel, wohnortnahe Versorgungsspezialisten auf der rehaKIND-Fachberaterliste, über die geeignete Klinik oder SPZ. Dazu Vernetzungsmöglichkeiten, Selbsthilfegruppen oder Therapien, Informationen über Versorgungs- und Rechtsthemen.

Familie mit See im Hintergrund

rehaKIND ist DIE Stimme der Kinderreha

In einem Gesundheitssystem mit Kostendruck dürfen die Schwächsten unserer Gesellschaft nicht den wirtschaft­lichen Interessen geopfert werden. Der Anspruch auf dringend benötigte Hilfsmittel und Pflegeleistungen wird von Krankenkassen und dem MDK oft unberechtigt abgelehnt. Hier wird wichtige Zeit in der Entwicklung der Kinder vertan und Eltern müssen um ihr Recht kämpfen.

Kinderreha ist kein Luxus:

Deshalb ist rehaKIND politisch aktiv, der Verein spricht im Namen von Familien und Fachleuten. Gerade unterstützt rehaKIND eine Petition mit über 55 000 Unterschriften und großer Öffentlichkeit gegen die Blockade der Kranken­kassen bei der Versorgung behinderter Kinder und Erwachsener.

Text rehaKIND, Fotos rehaKIND mit ottobock Healthcare

Familienküche

Mann mit Kind auf dem Rücken kocht

Die Familienküche – Ein kreativer Ort

Im Familienalltag spielt die Küche eine sehr zentrale Rolle, denn hier wird geredet, gebastelt, gelernt, gearbeitet und gekocht. Familienküchen bieten Platz für Spielrunden, Kindergeburtstage, Diskussionen oder werden kurzfristig zum Platz für das Homeoffice umgestaltet – hier wird Familie gelebt. So kennen wir es doch beispielsweise aus südlicheren Ländern, in denen mehrere Generationen unzählige Stunden an einem großen Tisch sitzen und über alles ­reden, was die Familie, Verwandte und Freunde betrifft.

Familienküchen sind Wohnküchen – bei der Küchenplanung sollte daher Rücksicht auf die Kinder und ihre Bedürfnisse sowie auf die Generation Plus genommen werden, das gemeinsame Familienleben rückt in den Mittelpunkt.

Das Leben mit Kindern, Eltern und Großeltern stellt besondere Anforderungen an die Küche – vor allem, was Sicherheit, Stauraum, Hygiene und Funktionalität betrifft. Bei der Küchenplanung macht es Sinn, alle Bewohner miteinzubeziehen. Kinder sehen und helfen gern beim Kochen mit, ihnen kann man den Zugang zur Arbeitsfläche durch die Nutzung eines Tritthockers erleichtern. Dieser Hocker sollte rutschfest sein, damit auch hier die Sicherheit in der Küche gewährleistet ist. So können die Kinder beim Schnippeln und auch beim Rühren in den Töpfen mithelfen, natürlich nur unter Aufsicht aufgrund des Risikos einer Verbrennung. Induktionskochfelder sind hier eine sicherere Wahl, was den Herd angeht. Hier erhitzt sich nämlich nicht das Kochfeld, sondern nur der Topf. So können sich die Kids nicht an einer heißen Kochstelle verbrennen.

Familie beim Essen

Stauraum ist wichtig

Ein wichtiges Kriterium in der Familienküche ist der Stauraum, damit Kochutensilien, Geschirr, Besteck und Küchengeräte nicht nur untergebracht werden, sondern auch nicht in Kinderhände geraten. Eine Soft-Close-­Automatik an Schränken und Schubladen verhindert laute Geräusche und beugt eingeklemmten Kinderfingern vor.

Familie beim Kochen

Eine geschlossene Küche

Eine Art der Küche ist momentan etwas aus dem Blick geraten: die geschlossene Küche, die allerdings durchaus Vorteile bietet. Nach dem Motto „Tür zu und Chaos nicht sichtbar“ vollbringt die geschlossene Küche nämlich wahre Wunder. Hier wird die Tür einfach zugemacht und schon ist beispielsweise der Abwasch für eine Weile vergessen. Wenn Kinder beim Gemüseschneiden helfen wollen, können sie diese Aktivität auf den Esstisch im Wohnzimmer auslagern. Dazu braucht es nicht unbedingt eine offene Küche mit Essplatz.

Großmutter mit Enkelkind am Backofen

Eine Küche für die Generation Plus

Je nach Alter gibt es ganz unterschiedliche Anforderungen an eine Kücheneinrichtung. Vor allem die Mobilität nimmt im Alter stets etwas weiter ab. Das Bücken und das anschließende Wiederaufrichten fallen immer schwerer, langes Stehen bereitet große Mühe und die Arme können sich nicht mehr so weit in die Höhe strecken wie früher. Doch gibt es hier viele Lösungsmöglichkeiten, um Rückenschmerzen vorzubeugen. Empfehlenswert ist es, Backofen und Kühlschrank etwa auf Hüfthöhe anzubringen, um ein häufiges Bücken zu vermeiden. Elektrisch verstellbare Küchenmöbel sind außerdem hilfreich, denn sie können ganz individuell nach den Wünschen der Nutzer justiert werden – von einer großen Stehhöhe bis zu einer niedrigen Position, in der z. B. die Arbeitsplatte bequem im Sitzen genutzt werden kann.

Familienküchen sind Wohnküchen – bei der Küchenplanung sollte daher  Rücksicht auf die Kinder und ihre Bedürfnisse, sowie auf die Generation Plus genommen werden, das gemeinsame Familienleben rückt in den Mittelpunkt.

Fotos:Evgeny Atamanenko, ESB Professional, fizkes, Jacob Lund_shutterstock.com
Quellen: kueche.de, houzz.de, kuechen-atlas.de

Mit Kindern gärtnern

Kind gießt Balkonkästen

10 Schritte wecken Begeisterung

Gärtnern ist auch in der Stadt möglich, denn auf begrenztem Platz ist Urban Gardening, also urbaner Gartenbau, besonders geeignet. Kinder können hier den Spaß am Gärtnern entdecken und ihre Kreativität entfalten. Bei Kindern mit Behinderung fördert das Gärtnern zudem die Motorik und kann sich positiv auf den Allgemeinzustand auswirken. Mit den folgenden zehn Schritten können Sie Begeisterung wecken:

Den Kindern das Thema nahebringen

Zuerst wecken Sie Begeisterung, indem Sie Ihre Kinder mit Gärtnern und Umwelt auf spielerische Weise vertraut machen. Bücher oder Hörspiele zum Thema Umwelt, aber auch Malbücher mit Pflanzen und Bienen sind geeignet.

Mit anschaulichen Beispielen begeistern

Ihre Kinder versetzen Sie mit anschaulichen Beispielen ins Staunen, um Begeisterung zu wecken. Kresse keimt schnell und ist ein gutes Exempel. In eine flache Schale legen Sie ein mit Wasser durchtränktes Stück Küchenpapier. Kinder verteilen darauf Kressesamen und können am nächsten Tag schon das Keimen beobachten.

Begeisterung in allen Jahreszeiten

In allen Jahreszeiten gibt es in der Natur etwas zu entdecken und im Garten zu tun. Das Keimen wird im Frühjahr beobachtet. Blüte- und Erntezeit ist der Sommer, der Herbst läutet den Wandel ein. Mit Ihren Kindern können Sie Bucheckern und Kastanien vor dem Wintereinbruch sammeln. Samenbomben bauen Sie dann im Winter.

Auf Gefahren aufmerksam machen

Ihre Kinder sollten Sie auch auf Gefahren im Garten aufmerksam machen, ohne Ängste zu schüren. Wichtig ist der Respekt vor Flora und Fauna. Zeigen Sie Ihren Kindern giftige Pflanzen wie Fingerhut oder Maiglöckchen und weisen Sie auf den richtigen Umgang mit stechenden Insekten hin.

Urbaner Garten
An die Tiere denken

Machen Sie Ihre Kinder darauf aufmerksam, dass sich auf einem Quadratmeter Erde bis in einer Tiefe von 30 Zentimetern ungefähr 1,6 Billionen Lebewesen aufhalten. Kriechen und Krabbeln ist für Kinder interessant. Bei Spaziergängen im Park können die Kleinen Schnecken, Regenwürmer und andere Tiere entdecken. Sie erfahren, dass die Natur nicht nur Lebensraum für den Menschen ist.

Die Bedeutung der Bienen erläutern

Erläutern Sie den Kindern, wie wichtig Bienen für den Menschen und seine Ernährung sind. Die europäische Bienenpopulation ging um ungefähr zehn Prozent zurück. Die Nektarsammler können Sie mit den geeigneten Pflanzen wie Brombeeren, Himbeeren, Kornblumen oder Margeriten, aber auch mit Trinkwasserschalen im Beet anlocken.

Prüfen der vorhandenen Gegebenheiten

Überlegen Sie gemeinsam mit Ihren Kindern, wo Sie gärtnern möchten. Für Urban Gardening eignen sich Balkon, Terrasse, aber auch die Fensterbank. Bei der Gestaltung des Minigartens ist die Sonneneinstrahlung entscheidend. Bei Balkonen muss zusätzlich die Traglast beachtet werden.

Alles gut vorbereiten

Haben Sie ein Plätzchen zum Gärtnern gefunden, wählen Sie mit Ihren Kindern die geeigneten Kräuter, Gemüsesorten und Blumen aus. Lassen Sie Ihre Kinder möglichst viel mitentscheiden, um ihre Motivation für das Gärtnern zu fördern. Ihre Freude haben die kleinen Hobbygärtner am Anfang an Sorten, die schnell wachsen und pflegeleicht sind, beispielsweise Radieschen, Bohnen oder Erdbeeren.

Aufbau des Beetes und Aussaat

Die Beete teilen Sie gemeinsam mit Ihren Kindern ein. Kinder können abhängig von ihren Fähigkeiten Beetstecker selbst basteln, um den Bereich zu kennzeichnen, für den sie verantwortlich sind. Auch Anzuchttöpfe können die Kinder aus ungefärbten Eierkartons, Milchpackungen oder Klopapierrollen basteln, um für die Themen Nachhaltigkeit und Recycling sensibilisiert zu werden. Nun kann gesät werden.

Pflegen und beobachten

Abhängig von ihren Fähigkeiten können Kinder Verantwortung für die Pflege der Pflanzen übernehmen, indem sie gießen, den Boden auflockern oder Unkraut jäten. Sehen, Tasten und Schmecken sind mit Urban Gardening möglich. Animieren Sie Ihre Kinder zur genauen Beobachtung, zum Naschen der Früchte und zum Buddeln in der Erde. Sie lernen, dass sich Gewissenhaftigkeit und Geduld auszahlen.

Urban Gardening mit Kindern Cover

Fazit: Von Natur aus lassen sich Kinder gern begeistern und sind wissbegierig. So können sie spielerisch an gesunde Ernährung, Nachhaltigkeit und Umweltschutz herangeführt werden. Mit kleinen Do-it-yourself-Projekten können auch Kinder mit Behinderung kleine Erfolge feiern. Sie lernen, im Einklang mit der Natur zu leben, ihr Umweltbewusstsein zu schärfen und Verantwortung zu übernehmen.

Weitere, kostenlose Infos unter:
www.preis.de/urban-gardening-mit-kindern/

Text: Lina Korb, Fotos: Anna Nahabed, Tobias Arhelger

WCMX – Ich kann das alleine

Junge im Rollstuhl auf dem Parcour

Wie WCMX Kinder motivieren kann, Hürden im Alltag zu überwinden.

Rumtoben, Quatsch machen und mit Freunden spielen. All das benötigt viel Selbstvertrauen und Mut. Für Rollikids bedeutet es aber auch, dass sie ihren Rollstuhl gut beherrschen müssen.
Selbstständigkeit zu erlernen ist für Kinder gar nicht so leicht. Wenn zu den großen Aufgaben des Älterwerdens dann noch eine Beeinträchtigung hinzukommt, muss das Kind auch daran wachsen und selbstständiger werden. So auch Rasmus aus Lüneburg: Er wollte sich früher nur schieben lassen und sah den Rollstuhl eher als notwendiges Übel. Mit fünf Jahren kam er zum WCMX, also zum Rollstuhlskaten. Dort lernte er auch andere Rollikids kennen. Sie können sich austauschen und gegenseitig motivieren, Neues zu erlernen und damit auch viele Alltagsfertigkeiten, wie Bordsteinkanten zu überwinden oder Rampen sicher zu bewältigen. So war es auch beim inzwischen siebenjährigen Rasmus, der seinen Rollstuhl mittlerweile als Möglichkeit sieht, mehr zu erleben und mobiler zu sein.

Vielen anderen Kindern bei den WCMX-Treffs geht es ähnlich. Sie machen Erfahrungen und wachsen daran. Aylin zählt z. B. inzwischen schon zu den größeren Kindern, die jüngeren wie Rasmus gerne etwas Neues beibringen und sie dazu motivieren, auf sich selbst zu vertrauen. Das war aber auch nicht immer so. Während sie früher ihre Eltern noch oft um Hilfe bat, kann es ihr jetzt nicht schnell genug gehen, wenn sie Rampen runtersaust. Durch WCMX und die Erfolge, die sie damit erzielen kann – und auch schon erzielt hat –, wurde sie zu einer selbstbewussten Achtjährigen. WCMX-Treffs, die hoffentlich bald wieder in Präsenz stattfinden können, sind immer ein Highlight für sie.
Solange das aber nicht geht, gibt es zahlreiche andere Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. So kann man dies in der Stadt oder zuhause machen oder sich mit Freunden eigene Tricks ausdenken.
Im Zuge des Rollstuhlskatens bei den jeweiligen, über in Deutschland verteilten Treffs werden Fähigkeiten spielerisch und in der Gruppe erlernt. Im nächstgelegenen Skatepark spielt eine Behinderung dann keine Rolle mehr. Alle haben gemeinsam Spaß und können aneinander und miteinander wachsen. So können die Kinder zusammen mit Geschwistern und Freunden den Skatepark erobern.
Besonders schön zu sehen ist, dass in dieser vielfältigen Sportart auch umfassende Fähigkeiten erlernt werden. Beispielsweise wird die Motorik geschult, der Umgang mit dem Rollstuhl zur spielerischen Selbstverständlichkeit und es wird möglich, sich frei zu bewegen sogar im Alltag kleine Tricks auszuprobieren und zu demonstrieren. Durch die anderen Kinder kann man super den Umgang untereinander lernen, zudem ist es immer schön zu sehen, wie selbstbewusst die Kinder durch den Sport werden.

Auf der Website des DRS-Fach­bereichs finden sich nicht nur die Orte, an denen regelmäßig ­WCMX-Treffs stattfinden, sondern auch Termine für Tryouts, also einzelne Events, bei denen jeder ausprobieren kann, ob ihm oder ihr die Sportart liegt. Natürlich sind alle herzlich willkommen, denn es gibt Sportler und Sportlerinnen jeden Alters, die gemeinsam skaten.­

Weitere Infos auf:
www.wcmxgermany.de
www.facebook.com/wcmxgermany
Instagram: @wcmxgermany
YouTube: videos.wcmxgermany.de

oder bei
Fachbereichsleiter Patrick Krause
Tel.: 01577 4880445
E-Mail: wcmx@rollstuhlsport.de

Text: Inka Fricke
Fotos: DRS_ AnnaSpindelndreier

Mobilität auf zwei Beinen, vier Hufen und vier Rädern

Gianna Regenbrecht im Rollstuhl bei ihrem Pferd

Gianna Regenbrecht ist 27 Jahre alt, studiert Medizin in Münster, geht viel mit ihrem Dalmatiner Silas spazieren und ist erfolgreiche Para-Dressurreiterin. Welche Hilfsmittel der Powerfrau in ihrem aktiven Alltag helfen, welche Barrieren sie überwindet und welche Ziele sie in ihrem Leben verfolgt, hat sie uns erzählt.

Seit sie fünf Jahre alt ist, sitzt Gianna auf dem Pferd. Dass auch ein Reitunfall vor sieben Jahren nichts daran ändern wird, war für die Lippstädterin schnell klar. Ihr außergewöhnlicher Optimismus und Lebensmut hat sie zur amtierenden deutschen Vizemeisterin ihrer Startklasse und ihr Leben weiterhin sehr mobil gemacht.

Janine Honert auf einem Pferd

Eigenständig dahinzukommen, wo ich gerne hinmöchte – so definiert Gianna persönlich den Begriff Mobilität. Dabei hilft ihr vor allem ein Rollstuhl, mit dem sie einfach schneller und kräftesparender unterwegs ist als auf ihren eigenen Beinen. Durch den Unfall ist sie inkomplett querschnittgelähmt und kann nur wenige Muskeln in ihren Beinen ansteuern.
Einige Schritte sind möglich, beispielsweise um den Rollstuhl in ihr Auto zu heben und einzusteigen. Dazu braucht es nicht nur Kraft in den Beinen, sondern auch in den Armen. Denn den zehn Kilogramm schweren Rolli hebt Gianna mit einem Arm in ihren SUV, um dann an der Dachreling gestützt zum Fahrersitz zu laufen und einsteigen zu können. Anderthalb Jahre nach dem Unfall bekam Gianna ein Auto mit Handgas. Und das war – wie für jeden jungen Menschen – ein riesiger Schritt in Richtung Freiheit und Mobilität, nachdem sie davor auf ständige Hilfe der Eltern oder Freunde angewiesen war.
Auf die Frage nach Hindernissen in ihrem selbstbestimmten Leben muss Gianna überlegen. „Blusen kaufen bei H&M ist vielleicht meine größte Barriere im Alltag, denn mit meinen muskulösen Oberarmen passe ich da nie rein“, lacht die heute 27-Jährige. Und damit ist ihre Liste der Barrieren auch schon zu Ende.

Gianna Regenbrecht auf einem Pferd

Kugellager-Killer

Vor allem ihr enger Freundeskreis und ihr Partner haben ihr gezeigt, dass sie trotz Behinderung auf nichts verzichten muss. Egal ob Festivals, Ausflüge oder ein Backpacking-Trip durch Kambodscha – die Para-Reiterin kommt überall hin – zum Leidwesen der Kugellager ihres Rollis, denn die mussten schon des Öfteren erneuert werden. Und falls doch mal Hilfe benötigt wird, hat Gianna kein Problem damit, auf Menschen zuzugehen und nach Hilfe zu fragen – aber erst, nachdem sie es selbst versucht hat, so ihre eigene Regel.

Gianna im Rollstuhl neben ihrem Pferd

Ganzheitliches Training für große Ziele

Auf ihrem Pferd Selma spielt die körperliche Einschränkung keine Rolle. Gianna hat ihre sensible Stute mit ausgebildet und ersetzt die fehlende Kraft der Schenkel durch zwei Gerten, mit denen sie ganz feine Hilfen geben kann. Umso mehr spielt aber die restliche Muskulatur im Oberkörper eine Rolle, denn nur mit viel Rumpf­stabilität kann Gianna ihren Sitz auf dem Pferd kontrollieren und durch Gewichtsverlagerungen das Tempo bestimmen. Damit ihr ganzer Körper das leisten kann, besucht Gianna einmal wöchentlich ein ambulantes Therapiezentrum und schätzt dort vor allem das ganzheitliche Training aus Physio-, Ergo- und Sporttherapie. Derzeit finden die Anpassungen für zwei computergesteuerte Beinorthesen statt, mit denen das selbstständige Laufen wieder deutlich besser möglich sein soll. All das hat sich Gianna hart erkämpft und viel trainiert. Für ihr sportliches Ziel, die Paralympics 2024 in Paris, steht auch noch ein bisschen Training an. Ihre privaten Ziele liegen im Abschluss ihres Medizinstudiums in Münster und ihr nächstes Reiseziel steht auch schon fest – Indien.

Fotos: Janine Honert, Text: Anke Nellen / BRSNW