„Lasst sie Fehler machen“

Kind auf einem Fahrrad

Es ist knapp zwei Jahre her: Mein Sohn Max hatte vor wenigen Tagen Fahrrad fahren gelernt. Zwischen „Mama, ich werde das niemals schaffen“ und „Mama, guck mal, wie schnell ich fahren kann!“ lagen etwa 15 Minuten. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass es nicht darauf ankommt, wie schnell man fahren kann, sondern dass das Halten des Gleichgewichts und das sichere Auf- und Absteigen viel wichtiger sind. Er hörte sich alles an, was ich zu sagen hatte, nickte bedächtig mit dem Kopf und rief dann aufgeregt: „Und jetzt guck mal, wie schnell ich wirklich fahren kann!“ Es blieb nur eine kleine Schramme zurück, als er kopfüber auf dem Rasen des Nachbargrundstücks landete.

Ich versuche, eigene Erfahrungen an meine Kinder weiterzugeben. Mein eigener Erfahrungsschatz hat natürlich keinen Anspruch auf Übertragbarkeit oder Allgemeingültigkeit und ich kann mich irren oder falschliegen. Es ist für mich wirklich nicht einfach, den Kindern zuzugestehen, eigene Erfahrungen zu sammeln, wenn ich selbst doch meine, es besser zu wissen. Manchmal verstehe ich aber, dass es einen Unterschied zwischen vorgekautem Wissen und selbst erfahrenem Wissen gibt. Und dass jeder eigene Erfahrungen machen muss und darf, damit sich die eigene Weltsicht entwickeln kann.

Schwierig wird es, wenn es darum geht, auszudifferenzieren, in welchen Fällen ich meinen Erfahrungsschatz über den Wunsch meiner Kinder, eigene Erfahrungen machen zu dürfen, stellen darf und muss: Nicht jeder Fehler muss am eigenen Leib erfahren werden und manchmal geht es schlichtweg darum, die Kinder vor Gefahren zu schützen, die sie entwicklungsbedingt nicht richtig einschätzen können. Eine vielbefahrene Straße ist beispielsweise keine Übungsfläche für eigene Fehler, sondern hier gilt mein Wort.

Es fühlt sich oft wie ein Drahtseilakt an, alle Bedürfnisse gegeneinander abzuwägen.

Das, was ich meinen Kindern erzähle oder zeige, kann sehr wertvoll sein. Aber erst durch das, was sie selbst erleben, gelangen sie doch zu dem, was einmal ihre eigene Wahrheit wird.

Ich hoffe, es gelingt mir, ein guter Begleiter auf ihren Wegen zu sein. Jemand, der ein Vorbild (mit eigenen Fehlern und trotz dieser) sein kann. Und jemand, der auch mal liebend einfach nur zusehen kann, wenn Kinder eigene, notwendige Fehler machen.
In diesem Jahr wird Max übrigens sieben Jahre alt. An seiner Stirn hat er mittlerweile zwei Narben, die jeweils unabhängig voneinander im Krankenhaus behandelt werden mussten. „Zieh deinen Helm an und pass auf dich auf“, rufe ich ihm zu, wenn er mit dem Fahrrad das Dorf erkunden will. In mir drin wohnt ein Teil, der ihn gerne festhalten und rufen möchte: „Bleib lieber hier. Hier ist es sicher und in der Welt da draußen lauern lauter Gefahren.“ Ein anderer Teil in mir sieht die leuchtenden Augen meines Sohnes, wenn er sich allein auf sein Fahrrad schwingt und zum Abschied nochmal winkt. Dieser Teil denkt dann leise: „Geh raus und lebe. Du schaffst das. Ich vertraue dir.“ Ich baue darauf, dass diese Stimme in mir mit der Zeit immer lauter werden darf.

Kind springt vor roter Wand

Text und Fotos: Mandy Falke

Urlaub in Deutschland

Familie am Strand

Amrum – Darf es ein bisschen Meer sein?

Über eine Millionen Übernachtungen werden jährlich auf der nordfriesischen Insel Amrum registriert. Nicht ohne Grund zählt die südlich von Sylt gelegene Insel zu den beliebtesten Ferienzielen im Wattenmeer. Besonders für Familien mit Kindern und Großeltern bietet die Insel ein breites Spektrum an Möglichkeiten.

Bekannt ist Amrum für den größten Kniepsand in Europa. Als solcher wird eine extrem langsam wandernde Sandbank in der Nordsee bezeichnet. So stammt der Inselname vermutlich von „Am Rem“ ab, was mit „sandiger Rand“ übersetzt werden kann. Der Kniepsand auf Amrum ist 15 km lang und bis zu 1,5 km breit. Hier findet jeder Besucher noch ein ruhiges Plätzchen für sich: Opa kann entspannt den Blick über das Meer schweifen lassen, Oma baut währenddessen mit den Kindern Sandburgen und Mama und Papa können sich auf die Suche nach dem besten Eisstand begeben.

Mit 180 Hektar Waldfläche gehört Amrum zu den baumreichsten Nordseeinseln. Ein großer Teil der Insel ist zudem mit Heide bedeckt. Romantische Bohlenwege führen durch die weitläufige Dünenlandschaft und wechseln sich mit Wäldern und Wiesen ab. Urige Wander- und Radwege ziehen sich durch die Landschaft und laden Urlauber zum Erkunden ein. Noch lange werden die Kinder sich an diese abenteuerlichen Ausflüge mit ihrer Familie erinnern.

Auf Amrum befinden sich fünf Orte: Norddorf, Nebel, Süddorf, Steenodde und Wittdün.

Den größten begehbaren Leuchtturm der Nordseeküste kann man in Wittdün bestaunen. Der 42 Meter hohe Leuchtturm wurde im Jahr 1872 erbaut und befindet sich weiterhin in Betrieb. Das Wahrzeichen am Orts­eingang des Dorfes Nebel ist eine alte Windmühle, in der sich gleichzeitig ein Heimatmuseum befindet. Die St.-Clemens-Kirche in Nebel beherbergt zudem einen historischen Seefahrerfriedhof. Hier finden sich auch die „sprechenden Grabsteine“. Sowohl die Generation Plus als auch Kinder können sich von den in Stein gemeißelten Lebensgeschichten der Seefahrer fesseln lassen.

Von der Küste aus werden Wattwanderungen zu einer nahe gelegenen Seehundbank angeboten. Mit etwas Glück können dort Kegelrobben und Seehunde beobachtet werden. An der Nordspitze Amrums befindet sich zudem ein Natur- und Vogelschutzgebiet, in dem beispielsweise Eiderenten oder Seeschwalben brüten. Auch Möwenrufe sind überall zu hören. Doch vorsichtig: Die schön anzuschauenden Tiere sind nicht zum Streicheln geeignet.

Da die Insel relativ klein ist, lassen sich Strecken meist ohne Auto bewältigen. Für lange Spaziergänge im Wattenmeer lassen sich Bollerwagen ausleihen, in denen Fami­lien ihre Strandutensilien und vom Toben müde gewordene Kinder transportieren können. Im Wattenmeer können Kinder Stunden damit zubringen, Muscheln zu sammeln oder im Schlamm zu spielen. Der Nordseeschlick enthält übrigens eine Reihe gesundheitsförderlicher Inhaltsstoffe. Spurenelemente, Mineralstoffe und Salze pflegen und schützen die Haut.

Amrum bemüht sich seit langem um Barrierefreiheit für Urlauber mit Behinderung oder Handicap. Die Touristeninformation beantwortet gerne Fragen rund um barrierefreie Wanderwege oder Unterkünfte.

Besondere Erlebnistipps für Amrum
  • Wattwanderung zur Nachbarinsel Föhr
  • unvergesslicher Ausritt mit Pferden entlang der Meeresküste
  • besonderes Camping-Erlebnis: der FKK-Campingplatz auf Amrum
  • Fahrradtouren über die Insel und durch die friesischen Dörfer
  • historische Hügelgräber entdecken
  • Schiffsausflüge zu den angrenzenden Inseln
  • Besuch im urigen Restaurant Ual Öömrang Wiartshüs

Der Naturpark Haßeberge beeindruckt mit seinen seichten Hügeln und idyllischen Fluss- und Seenlandschaften. Die Gegend ist ideal geeignet, um sie mit dem Fahrrad zu erkunden. Der Picknickkorb auf dem Gepäckträger ist fast schon ein obligatorisches Muss, denn eine im Freien genossene, typische bayrische Brotzeit bleibt sicher noch lange bei Groß und Klein im Gedächtnis. Zur Abrundung des Tages bietet sich ein Besuch der ­FrankenTherme in Bad Königshofen an. Die Saunalandschaft der Therme ist mit dem Rollstuhl befahrbar.

Die Städte München und Nürnberg sorgen hingegen für Großstadtflair. In Biergärten und Parks lässt sich die unverwechselbare Lebensart der beiden Großstädte entdecken. Neben Kunst und Kultur bieten die Städte auch zahlreiche Grünflächen, die ein Kleinod inmitten des geschäftigen Lebens darstellen. Zahlreiche Unternehmungsmöglichkeiten stehen der ganzen Familie zur Verfügung. Während die Kinder außergewöhnliche Eissorten ausprobieren, kann der Rest der Familie seinen Blick beim Flanieren durch die Altstädte schweifen lassen.

Im Nationalpark Bayerischer Wald lässt sich Natur mit allen Sinnen erleben. Komfortable Bohlenwege und von jeder Blickhöhe gut einsehbare Freigelände machen die Natur für jeden erlebbar. Mit wetterfester Kleidung lässt sich bereits morgens in weitgehend unberührte Natur aufbrechen. Mit Fernglas, Verpflegung und Wanderkarte können Sie frische Waldluft schnuppern und Erinnerungen fürs Leben schaffen. Der Weg entlang der Ilz, dem letzten großen Wildwasser Ostbayerns, ist ohne Steigungen auch bequem mit dem Rollstuhl zu befahren.

Quellen: wikipedia.de, ndr.de, nordseetourismus.de

Fotos: pixabay.com, shutterstock.com_oliveromg und Jacob Lund

Ein Leben mit Multipler Sklerose

Julia Bierenfeld jongliert einen Apfel

Multiple Sklerose (MS)

wird aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Verlaufsformen auch als „die Krankheit mit den tausend Gesichtern“ bezeichnet. Es handelt sich um hierbei eine chronisch-entzündliche neurologische Autoimmunerkrankung, die in sogenannten Schüben verläuft. Durch eine Entzündung der Nervenstrukturen kommt es beispielsweise zu Sehstörungen, Kribbeln in den Gliedmaßen, Gehstörungen, anhaltender Müdigkeit, Konzentrationsproblemen oder einer Schwächung bis Lähmung der Extremitäten. Heilbar ist Multiple Sklerose nicht, aber ein Fortschreiten lässt sich durch Medikamente meist bremsen. Man vermutet, dass verschiedene Faktoren das Entstehen der Krankheit begünstigen können. Hierzu gehören beispielsweise die genetische Veranlagung, Umweltgifte, Infektionen oder auch ein ungesunder Lebensstil.

Frauen erkranken fast viermal häufiger an Multipler Skle­rose, wofür es lange Zeit keine Erklärung gab. Forscher der Washington University fanden nun heraus, dass ein bestimmtes Eiweißmolekül (S1PR2) im Gehirn hierbei offenbar eine entscheidende Rolle spielt.

Durch Multiple Sklerose kommt es in vielen Lebensbereichen zu besonderen Herausforderungen: Familienplanung, Sozialleben, Ausübung von Hobbys, Sexualität, Teilnahme am Arbeitsleben oder Urlaubsreisen. In unserer Serie „Leben mit Multipler Sklerose“ werden wir Themen rund um die Erkrankung aufgreifen.

Julia Bierenfeld mit Walkingstöckern

„MS ist kein Muskelschwund“ – eine junge Frau berichtet

Der Liebe wegen zog Julia Bierenfeld nach Mittelhessen. Dort lebt die heute 37-Jährige, die 2014 von der Diagnose „Multiple Sklerose“ überrascht wurde. Eigentlich hatte sie andere Pläne, studierte BWL und strebte eine Position in der Teamleitung an – aufgrund der Erkrankung entwickelte sie andere Ziele. Der Erhalt und die Verbesserung ihrer Gesundheit standen plötzlich an erster Stelle. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin und fing an, im Internet über ihre Erkrankung zu bloggen. Fast beiläufig erwähnt sie ihr ehrenamtliches Engagement: In der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft hält sie Vorträge über Ernährung und ist als Mitglied im Landesbeirat Bindeglied zwischen Mitgliedern und Vorstand. Zudem betreut sie eine regionale Anlaufstelle für MS-Erkrankte. „Mein Lebensstil war vorher wirklich ungesund“, erklärt sie, „aber seit der Diagnose haben Ernährung, Sport, Stressreduktion und allgemein mein Wohlbefinden eine ganz andere Priorität bekommen.“

Julia Bierenfeld beim Picknick

Häufig belasten sie Taubheitsgefühle, Kribbeln, Sehstörungen oder kognitive Einschränkungen. „Multiple Sklerose ist kein Muskelschwund, wie es manche Leute vielleicht denken“, führt sie ohne Verbitterung in der Stimme aus. Sie möchte diesen Mythos aus der Welt schaffen und Menschen aufklären. Hierfür verwendet sie häufig eine Metapher: „Du kannst dir Multiple Sklerose wie einen Kabelbrand vorstellen. Die Nerven laufen über Bahnen und in einem Schub wird die Schutzhülle angegriffen; sie wird also quasi aufgebrochen und kann Reize und Impulse nicht mehr richtig weiterleiten.“

Auch das Fatigue-Syndrom gehört zu den Begleiterscheinungen ihrer Erkrankung. Insbesondere die körperliche Müdigkeit macht ihr hierbei zu schaffen. „Ich bekomme richtig Gelenkschmerzen, ähnlich wie bei einer Grippe. Da helfen dann auch keine Badewanne oder Schmerzsalben, sondern nur zwei Wochen konsequente Ruhe.“

Julia Bierenfeld liest ihr Buch

Ihr Wunsch ist es, Menschen mit MS mehr Gehör zu verschaffen. Viele Begleiterscheinungen der Krankheit, etwa das Fatigue-Syndrom, sind nicht sichtbar. Häufig müssen sie daher um Anerkennung der Schwere ihrer Symptome kämpfen. Ein Schwerbehindertenausweis wurde Julia Bierenfeld beispielsweise nicht zugestanden. Mit einem Grad der Behinderung (GdB) von 30 konnte sie zwar eine Gleichstellung in ihrer Firma beantragen, diese wurde jedoch abgelehnt. „Die Begründung war, ich hätte nicht genug Fehlzeiten. So schlimm könne meine Erkrankung dann ja nicht sein. Dabei habe ich meine Arbeit extra auf drei Tage die Woche reduziert, um genügend Zeit zur Regeneration zu haben.“ Fair sei das nicht, findet sie und zuckt mit den Schultern.

„Ich glaube allerdings nicht, dass ich ohne meine MS-Diagnose heute glücklicher wäre“, fügt sie abschließend hinzu. Natürlich könne sie nur für sich sprechen und nicht generalisierend für andere Erkrankte, da jeder Krankheitsverlauf individuell sei.

Antientzündliche Ernähung leicht gemacht
ISBN: 978-3-00-068038-0

Auf ihrer Homepage www.jb-healthconcepts.de widmet sie sich dem Thema „ganzheitliche Gesundheitskonzepte“.

Hier findet man auch ihr im Februar erschienenes Buch „Antientzündliche Ernährung leicht gemacht“, welches sich sowohl an Menschen mit chronisch entzündlichen Erkrankungen richtet als auch an diejenigen, die Entzündungen vorbeugen möchten.

Text: Mandy Falke
Quellen: netdoktor.de, wikipedia.de
Fotos: privat Julia Bierenfeld, Lorena Bollmann

Mike lässt sich nicht umhauen

Mike beim Boxen mit Sparringpartner

30 Jahre ist es her, dass Mike Schmitz sein rechtes Bein durch einen Schicksalsschlag verlor. Seinen Lebensmut hat sich der heute 51-Jährige mühsam zurück­erkämpft. „Sehr lange Zeit hatte ich eine Standardbeinprothese, fleischfarben und aus einem Material, das nicht nass werden durfte. Sport war kaum möglich, Treppensteigen nur sehr mühsam.“

Vor einigen Jahren bekam er die Hightech-Beinprothese Genium X3. Sein Lebensstil änderte sich von Grund auf. Heute engagiert er sich ehrenamtlich, wird von Modelagenturen gebucht, spricht auf Kongressen und misst sich im Sport mit „Zwei­beinern“, wie er sie neckisch nennt.
Wir haben mit Mike gesprochen und ihm fünf Fragen gestellt:

Welche Einschränkungen hast du im Alltag gegenüber Personen mit zwei gesunden Beinen?

Ach, das sind meist so Kleinigkeiten. 50 Meter hinter einem Bus herlaufen geht schon, aber tägliches Joggen wäre nicht möglich. Mein Auto habe ich aus Sicherheitsgründen auch umbauen lassen. Ich erlebe meine Prothese gar nicht mehr als Fremdkörper. Sie gehört einfach zu mir dazu. Meine Frau und ich machen Aktivurlaube im Allgäu oder gehen im Meer schwimmen. Sie hat mich immer unterstützt und damit auch dazu beitragen, dass ich so gut mit der Situation klarkomme. Sie hat immer gesagt: „Mich interessiert der Mensch und nicht, wie viele Beine er hat.“ Sie ist wirklich meine große Liebe.

Mike im Wald

Du trägst eine Beinprothese mit elektrischem Kniegelenk. Was ist der Vorteil gegenüber einer herkömmlichen Prothese?

Es ist eine komplett andere Welt. Die Genium-X3-Prothese ist wasserfest. Es steckt eine ausgeklügelte Technik dahinter. Man muss den Umgang erst erlernen. In einer App kann ich 30 verschiedene Sportprogramme auswählen: Fahrradfahren zum Beispiel, Stepper, Tischtennis und sogar Fechten. Im Tennismodus verhindert die Prothese beispielsweise ein Entsperren durch den Ausfallschritt. Der Fahrradmodus sorgt dafür, dass die Beinprothese einfach durch Schwung mitgeschoben wird. Auch ohne App sind diese Programme manuell einstellbar, etwa durch bestimmte Bewegungen.
Wenn ich eine Treppe nutze, aktiviere ich den benötigten Modus mit einer Wischfunktion. Es ist kompliziert, den Umgang damit zu lernen, aber es lohnt sich: Heute kann ich ohne Probleme eine Treppe hoch- oder runtergehen und muss das Bein dabei nicht nachziehen.

Mike auf einer Bank

Du bist sehr sportlich. Welche Sportarten magst du am liebsten und warum?

Zuerst hatte ich Nordic Walking für mich entdeckt. Anfangs war es nur ein Ausprobieren zum Spaß. Schnell merkte ich aber, dass ich mich durchaus mit Menschen ohne Einschränkungen messen konnte. Einmal nahm ich an einem Wettbewerb teil. Ich hörte einen Mann sagen: „Guck mal, der hat nur ein Bein. Dann werde ich wenigstens nicht Letzter.“ Er hat ganz schön blöd geguckt, als ich vor ihm die Ziellinie überquert habe. Schwimmen mag ich auch unglaublich gerne. Ein Sprung vom Drei­meterbrett macht einfach deswegen Spaß, weil ich es nun kann. Vorher kam ich dort mit einem Bein nicht hoch. Ich fahre außerdem Fahrrad und boxe regelmäßig. Ich trainiere in einem Profiboxstall und bin dort der einzige mit Beinprothese. Das macht mich schon ein wenig stolz.

Was motiviert dich?

Vor zwei Jahren traf ich einen Mann in der Reha. Er hatte ein Bein verloren und saß im Rollstuhl. Er beobachtete, wie ich den Alltag mit meiner Prothese meisterte, und sprach mich an: „So, wie du läufst, möchte ich das auch können.“ Er hatte täglich Physiotherapien. Aber viel wichtiger war, glaube ich, dass wir jeden Abend zusammen rausgingen und übten. „Wenn du es wirklich willst, packst du es auch“, sagte ich zu ihm. Er verließ die Klinik ohne Rollstuhl. Den Austausch und die Motivation von Gleichgesinnten können kein Arzt oder keine Physiotherapie ersetzen. Durch solche Erlebnisse merke ich, dass das, was ich mache, Sinn hat.

Du bist ehrenamtlich sehr engagiert. Magst du ein paar Beispiele nennen?

Gerne. Unter „Mike macht Mut“ findest du mich auf Facebook und Instagram. Ich unterstütze auch das Projekt „Inklusion mit Herz“ (www.inklusion-mit-herz.de), welches sich dafür einsetzt, dass Menschen mit Handicap weniger Ausgrenzung aus der Gesellschaft erfahren. Ich möchte Menschen Mut machen. Es geht mir gar nicht darum, dass ich im Mittelpunkt stehe, aber ich habe gemerkt, dass ich anderen ein Vorbild sein kann.

Text: Mandy Falke
Mike im Wald: Fotograf Georg Lukas / Essen, sonstige Fotos: privat

Eine Rollstuhlmami erzählt aus ihrem Alltag

Jascha Ahsbahs

Ein bei der Geburt offener Rücken ist der Grund, warum Jascha Ahsbahs heute im Rollstuhl sitzt. Als Kind war es der 26-jährigen Linzerin noch möglich, auf wackeligen Beinen zu laufen. Infolge des zunehmenden Gewichts und des Wachstum ist sie seit ihrer Jugend auf den Rollstuhl angewiesen. Mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern hat sie sich mittlerweile den Traum von einer Familie erfüllt. „Meine Eltern haben mir immer das Gefühl vermittelt, dass ich alles im Leben schaffen kann“, berichtet die zweifache Mutter. „Deswegen kam mir wahrscheinlich auch nie der Gedanke, dass ich aufgrund des Rollstuhls keine Familie haben könnte.“

Die Schwangerschaften verliefen komplikationsloser als angenommen. Der Folsäure­bedarf war erhöht und die Überwachung erfolgte auch „a bissel engmaschiger“, wie die junge Mutter mit ihrem österreichischen Akzent erzählt. Ihre Tochter kam sogar auf natürlichem Wege zur Welt. „Das wird für mich immer das Highlight meines Lebens sein“, verrät Jascha Ahsbahs mit emotionaler Stimme. „Das ganze Krankenhaus war fasziniert. Es war vorher nicht klar, ob ich die Wehen genug spüren kann, um ausreichend Druck auszuüben. Aber es hat geklappt!“

Jascha Ahsbahs und Mann

Wenn Jascha Ahsbahs mit ihren Kindern unterwegs ist, wird sie häufig angesprochen. „Sind das wirklich deine Kinder? Geht das denn?“, wollen manche Menschen wissen. Andere gratulieren ihr und finden es „voll toll“, dass sie trotz ihrer Einschränkung Mutter sein kann. „Ich weiß, dass es meist nett gemeint ist. Je nachdem, wie meine Stimmung ist, reagiere ich unterschiedlich. Manchmal möchte ich einfach nicht über meine Einschränkungen reden, sondern bin halt mit meinem Leben beschäftigt. Dann werde ich schon mal schnippisch. Ich kommentiere doch schließlich auch nicht ungefragt die Elternrolle fremder Menschen.“

„Es ist in der Gesellschaft noch nicht überall angekommen, dass Eltern mit Einschränkungen gute Eltern sein können.“

Dass ab und zu Kinder auf sie zeigen, ist für Jascha Ahsbahs kein Problem. „Bei Kindern erkennt man das ehrliche Interesse. Viel merkwürdiger finde ich es, wenn Eltern ihre Kinder anweisen, nicht zu mir hinzuschauen. So entsteht eine Tabuisierung des Themas.“ Ihr Wunsch ist eine bessere gesellschaftliche Sensibilität. Das Anderssein anderer Leute sollte auf respektvolle Weise angenommen werden.

Jascha Ahsbahs und Familie

„Hoffentlich geht das, was Sie haben, schnell wieder vorüber“, wurde sie neulich von einer ihr fremden Frau von hinten angesprochen. „Am liebsten hätte ich geantwortet: ‚Dasselbe hoffe ich für ihre Dummheit auch‘“, erbost sich die junge Mutter. Es kommt auch vor, dass Leute ungefragt ihr Kind aus dem Einkaufswagen heben. „Einmal habe ich laut Nein gesagt und jemand hat trotzdem mein Kind genommen und aus dem Wagen gesetzt. Da bin ich richtig wütend geworden“, berichtet sie mit Ärger in der Stimme. Ähnliche Situationen wie diese erlebt sie häufig.

Einen Pflegegrad hat die zweifache Mami zwar, gestaltet ihren Alltag mit ihrem Mann jedoch allein. „Wir sind so gut strukturiert, dass wir externe Hilfe von außen gar nicht benötigen.

Außerdem haben wir zwei engagierte Omis vor Ort“, lacht sie. Für ihre dreijährige Tochter gehört der Rollstuhl untrennbar zur Mama dazu. Sie kennt es nicht anders. Jascha Ahsbahs findet es positiv, dass ihre Kinder mit diesem Wissen über Behinderungen aufwachsen. „Ich möchte meinen Kindern gerne vorleben, dass sie sensibilisiert durch diese Welt gehen. Wir sind alle anders und doch alle gleich. Jeder Mensch verdient denselben Respekt.“

Jascha Ahsbahs und Mann

Anderen Betroffenen würde Jascha Ahsbahs gerne Mut machen. „Oft sind es Ängste vor Herausforderungen, die uns von etwas abhalten, und nicht die Tatsache, dass etwas nicht machbar wäre. Ich hatte auch keine Vorstellung davon, wie es ist, Mutter zu sein. Aber das hat niemand, bevor man nicht die Elternrolle selbst erlebt hat. Wir können uns nicht auf alles im Leben vorbereiten. Wobei ich das Glück hatte, dass die Schwangerschaften medizinisch möglich waren. Das ist natürlich nicht bei jeder Erkrankung so.“

Im Sommer fängt Jascha Ahsbahs wieder an zu arbeiten. Telefonisch kümmert sie sich um Kundenanliegen einer großen Firma. Ihr Mann nimmt währenddessen Elternzeit und betreut die beiden ein- und dreijährigen Kinder, bis diese in den Kindergarten kommen.

„Wir sind einfach
ein tolles Team“,
lacht Jascha Ahsbahs.
Man kann den Lebensmut in ­ihrer Stimme heraushören.

Interview: Mandy Falke

Fotos: Familie Ahsbahs und Fotografin Margit Berger

Diversität: Vergesst Menschen mit Behinderungen nicht!

Der Begriff „Vielfalt“ wurde unlängst abgelöst durch das Wort „Diversität“. Hierunter versteht man die Unterschiedlichkeit von Personen bezogen auf Alter, Behinderung, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion/Weltanschauung und sexuelle Identität – ein weit gefasster Begriff, mit dem in der Öffentlichkeit meist die Geschlechterfrage sowie die berufliche Gleichstellung von Mann und Frau assoziiert wird. Menschen mit Behinderung geraten hierbei häufig in Vergessenheit; oder es wird nur in eine Richtung gedacht, nämlich daran, was Menschen mit Behinderung alles nicht können. Oftmals ist es ihnen deshalb nicht möglich, Teilhabe in allen Bereichen des Lebens zu erfahren und ihre Ressourcen richtig zu nutzen.

Anas Alhakim kam 2013 aus Syrien nach Deutschland. Er absolviert in Berlin ein Masterstudium als Programmierer und ist darüber hinaus als Grafikdesigner tätig, sitzt im Rollstuhl und engagiert sich für die Gleichstellung von Geflüchteten mit Behinderung. Er kennt sich aus mit den Barrieren, denen Geflüchtete im Alltag begegnen. Hierzu gehören beispielsweise Sammelunterkünfte ohne Barrierefreiheit und eine oftmals nicht behindertengerechte Gesundheitsversorgung.

Mohammad Abo Shukur

Lieber Anas, mit welchen Problemen sind geflüchtete Menschen mit Handicap in Deutschland oftmals konfrontiert?

Geflüchtete Menschen werden mit verschiedenen Problemen konfrontiert, vor allem mit der Kommunikation und der Sprache – gerade am Anfang, wo sie das System, ihre Rechte und Pflichten erstmal kennenlernen müssen. Dabei spielt auch der jeweilige Gesundheitszustand eine sehr große und wichtige Rolle, der anfangs oft vernachlässigt wird. Danach kommt es zu Problemen, die die Barrierefreiheit betreffen, was auch in vielen Fällen richtig paradox ist.
Also z. B.: Sie müssen die Sprache lernen, finden aber leider keine Sprachschule, die barrierefrei ist. Und genauso geht es dann weiter mit der Jobsuche oder der Wohnungssuche.

Mohammad Abo Shukur

Gibt es deiner Ansicht nach Maßnahmen, die umgesetzt wurden und die sich als hilfreich erwiesen haben? Wie ist deine Meinung?

Da ich erst seit sieben Jahren in Deutschland bin, kann ich leider die Lage bzw. Situation nicht gut vergleichen. Doch es gibt inzwischen Organisationen, die sich um Geflüchtete mit Behinderung kümmern – wie z. B. das Projekt „Crossroads“ von Handicap International. Das Team verbessert die Teilhabe Geflüchteter mit Behinderung an der Gesellschaft, baut Barrieren ab und fördert Integration.
Was ich auch als Unterschied sehen kann, ist die Entwicklung in den sozialen Netzwerken, wo mehr Menschen mit Behinderung eine Stimme bekommen haben. Das führt zu mehr Aufklärung und Dialog in der Gesellschaft.

Wenn du der Bundesbeauftrage für Menschen mit Behinderungen wärst, was wäre dein erstes Anliegen und was würdest du ändern wollen?

Ich würde Inklusion viel mehr fördern, und zwar durch deutlich mehr Barrierefreiheit und Teilhabe sowie mehr Aufklärung in den Medien. Mehr miteinander statt übereinander reden in den Talkshows.
Menschen mit Behinderung sollen mehr in den Alltag der anderen involviert werden, und zwar nicht NUR durch ihre Behinderung, sondern auch durch ihre Qualifikationen und Kompetenzen. Das soll zur Normalität werden, denn in meinen Augen ist Inklusion nicht nur Barrierefreiheit und Teilhabe, sondern auch Sprache, Mentalität und Begegnung auf Augenhöhe.

Jetzt lebst du bereits seit einigen Jahren in Deutschland und hast die Kultur und Gesellschaft kennengelernt. Wie glaubst du, geht man hier mit dem Thema Diversität um?

Oft wird das Thema Diversität, nach meiner Beobachtung, nicht direkt mit Menschen mit Behinderung verbunden. Und hier meine ich nicht vom Arbeitsplatz oder Studium her, sondern gesellschaftlich bzw. von der Mentalität her. Diversität bedeutet für viele eine Unterscheidung und Anerkennung von Gruppen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen sowie unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe oder Religion. Menschen mit Behinderung werden mit dem Wort „Diversität“ nicht verbunden.

Interview: Mandy Falke

Fotos: Mohammad Abo Shukur

Kinder-Apps – Apps schon für die ganz Kleinen?

Mädchen mit Handy

Eltern wundern sich häufig, wie schnell ihre Kinder die Bedienung eines Smartphones oder Tablets beherrschen. Augenscheinlich intuitiv können die kleinen Finger nach rechts wischen oder nach oben swipen. Etwa jedes dritte Vorschulkind nutzt Apps bereits auf dem Smartphone oder Tablet. Das Deutsche Jugendinstitut gibt an, dass 35 % der Kinder regelmäßig Apps nutzen.

Ob eine App für das eigene Kind geeignet ist, können Eltern am besten herausfinden, indem sie die App selbst einmal ausprobieren. Eltern können häufig sehr gut einschätzen, ob die App zu den Bedürfnissen und Fähigkeiten ihres Kindes passt. Neben Spiel- und Kreativ-Apps gibt es zahlreiche Apps, die bereits Vorschulkindern spielerisch wertvolles Wissen vermitteln. So kann beispielsweise gepuzzelt, getüftelt oder gebaut werden. Beinahe automatisch werden die Kinder mit Zahlen, Formen und Buchstaben vertraut gemacht – und der Spaßfaktor kommt dabei meist nicht zu kurz.

Eltern sollten die Altersempfehlung der Apps beachten und eine Passwortsperre für Käufe einrichten. Auch In-App-Käufe beinhalten ein gewisses Risiko und sollten nach Möglichkeit deaktiviert werden. Zeitliche Begrenzungen können mit dem Kind vorab besprochen, aber auch am Gerät selbst eingestellt werden. Wichtig ist, das Tablet nicht zum Babysitter werden zu lassen. Ausreichend Zeit zum Basteln und Brettspielen lässt sich gut als Ausgleich für die Medienzeit einplanen.

Kinder können meist nicht zwischen Inhalt der App und Werbung unterscheiden. Taucht während der Nutzung einer App Werbung auf, kann das Kind durch Anklicken zu einer externen Webseite weitergeleitet werden. Es empfiehlt sich daher, werbefreie Apps zu nutzen oder Werbung manuell zu blockieren.

Screenshot FragFinn APP

fragFINN

Die Kinderschutz-App fragFINN stellt Kindern einen kindersicheren Browser für Smartphones und Tablets zur Verfügung. Kindern wird ein geschlossener und geschützter Surfraum zur Verfügung gestellt, der von einem medienpädagogischen Team geprüft wurde und nicht verlassen werden kann. Die App ist für Kinder von sechs bis zwölf Jahren konzipiert und kann kostenlos runtergeladen werden unter www.fragfinn.de.

Youtube Kids Logo

YouTube Kids

YouTube Kids ist eine kinderfreundliche Variante der bekannten Videoplattform. Das Angebot ist kindgerecht und frei von jugendgefährdenden Inhalten. Auch Kommentare mit bestimmten Kraftausdrücken werden dem Nutzer nicht angezeigt. Das Design wirkt verspielt und die Bedienung ist vereinfacht.
www.youtubekids.com

Sesamstraße APP

Sesamstraße

Mit der Sesamstraßen-App ist nicht nur der sichere Zugang zu den Sesamstraßen-Videos gewährleistet, im Spielebereich stehen auch lustige und lehrreiche Spiele zur Verfügung. Die App wurde so gestaltet, dass man sie ohne lesen zu können sicher bedienen kann. Mit dem Krümelmonster kann Keks-Domino gespielt werden und am Eisstand kann man Grobi dabei unterstützen, Eisbestellungen für seine Freunde fertigzustellen.

ZDF tivi APP

ZDFtivi-App

Unter zdftivi.de kann die App für Kinder ab drei Jahren kostenlos heruntergeladen werden. Viele Kindersendungen wie etwa die bekannte Löwenzahn-Serie sind hier abrufbar. Eltern können entscheiden, ob Streaming und Download nur per WLAN funktionieren oder auch unterwegs möglich sein sollen.

Schlaf gut Zirkus APP

Schlaf gut Zirkus

Diese interaktive Einschlaf-App für Kleinkinder kostet 4,49 Euro. Eine angenehme Stimme erzählt, dass alle Tiere sehr müde sind und nur darauf warten, ins Bett gehen zu können. Aufgabe des Kindes ist es, sämtliche Lichter auszuknipsen, damit die kleinen Flöhe, der große Löwe und der freundliche Elefant endlich schlafen können. Die liebevoll gestaltete App mit ansprechender Grafik ist bereits für ganz kleine Kinder geeignet.
www.foxandsheep.de

Quellen: chip.de, dji.de

Fotos: Screenshots, pexels.com

Wunschgroßeltern: nicht verwandt, trotzdem verbunden

3 Generationen auf einem Steg

Gemeinsam Plätzchen backen und abends noch schnell die Bratpfanne für Pfannkuchen anschmeißen, weil das Enkelkind den ersten Liebeskummer hat – die Rolle, die Großeltern im Leben eines Kindes einnehmen, ist einmalig und prägend. Ich erinnere mich beispielsweise an den allerbesten Milchreis der Welt. Es war einfach nur normaler Milchreis. Er war noch nicht einmal gesüßt, aber es war der beste Milchreis der Welt, denn er war von meiner Oma gekocht. Mein Opa aß ihn mit einem riesigen Löffel und riss den Mund dazu für meine Kinderaugen unglaublich weit auf. Ich habe das Besteck meines Opas immer noch. Von meiner Oma habe ich irgendwo noch eine scheußliche lila Brosche, die ihren Wert einfach dadurch innehat, dass sie meiner Oma gehörte. Manchmal verstanden mich meine Mutter und mein Vater nicht, dann ging ich halt zu meiner Oma. Ob sie mich immer verstand, weiß ich nicht, aber sie ließ mich so sein, wie ich eben war.

Manche Kinder haben keinen oder nur eingeschränkten Kontakt zu ihren Großeltern. Das kann mehrere Gründe haben: familiäre Zerwürfnisse, Desinteresse, räumliche Entfernung oder mangelnde Zeit zum Beispiel. Unseren Kindern fehlt der Großelternkontakt auf der einen Familienseite komplett. Für meine Kinder wünschte ich mir dennoch unvergessliche Erlebnisse mit Großeltern, das Gefühl von Geborgenheit und weitere Bezugspersonen, die sie beim Großwerden emotional begleiten wollen.

Als ich gerade ernsthaft ein Zeitungsinserat in Erwägung zog, begegnete ich einer Wunschelterninitiative in unserer Stadt. Wir bekundeten Interesse, was form- und problemlos möglich war. Eine ältere Dame würde gut zu uns passen, wurde uns mitgeteilt.
2014 saßen wir im Wohnzimmer besagter Dame, deren Hunde einen besonderen Stellenwert bei ihr einnahmen. Irgendwie würde sie sich für diese auch mehr Begeisterung von unserer Seite wünschen, gab sie zu verstehen, und es blieb bei einem einmaligen Treffen.

Erst 2018 wagten wir einen neuen Versuch. Der erste Kontakt mit dem großelterlichen Paar war schriftlich. „Also, wir haben drei Kinder, und 2017 hatte ich Krebs.“ Das wollte ich erwähnen, falls das ein Problem sein sollte. Ach, das wäre doch alles in Ordnung, hieß es, und so trafen wir uns gemeinsam mit den Kindern an einem See zum Picknick. Am Abend erhielt ich eine
E-Mail: „Also drei Kinder wären dann doch ganz schön viel“, schrieb mir die Frau, „und eine Krebserkrankung in der Familie ist uns eine Hausnummer zu groß.“

Einen Versuch wagten wir schließlich noch: In der Großstadt gab es ein Zentrum zur Vermittlung von Wunschgroßeltern. 10 Euro zahlte man für die Vermittlungsbemühungen. Schließlich saßen wir mit einer netten Frau mittleren Alters an einem Tisch, die zu ihrem leiblichen Enkelkind nur spärlichen Kontakt hatte und den Wunsch verspürte, ihre Großmutterrolle dennoch auszuleben.
Wir trafen uns auf Spielplätzen, bei dem Großelternpaar zuhause oder zu Spaziergängen. „Die Kinder streiten sich zu häufig. Das geht so nicht“, hieß es irgendwann, gefolgt von „Deine Tochter muss mehr reden. Das geht so nicht“. Ich brachte meine Werte zum Ausdruck, meine Kinder da zu unterstützen, wo ich auch Unterstützungsbedarf sehe, aber ich möchte sie im Grunde mit ihrer Persönlichkeit und ihren Eigenarten annehmen, wie sie sind. Die Wunschgroßmutter meldete sich im Anschluss an diese Kommunikation nie wieder. Der schale Beigeschmack besteht bis heute. Vorläufig sehen wir daher davon ab, uns weiter in Richtung Wunschgroßeltern auf die Suche zu begeben.

Das Konzept „Wunschgroßeltern“ finde ich weiterhin genial: Großeltern ohne eigene Enkel oder mit hinreichend Zeit und Liebe für weitere (Wunsch-)Enkel können ein prägender Teil eines aufwachsenden Kindes werden, was eine Bereicherung für alle Beteiligten darstellen kann.
Wichtig ist es sicherlich, im Vorfeld zumindest eine grobe Passung der gegenseitigen Vorstellungen vorzunehmen: Benötigen die Eltern eher praktische Unterstützung und Entlastung bei der Alltagsgestaltung oder stehen die bindungsspezifischen und emotionalen Aspekte im Vordergrund? Möchten die Wunschgroßeltern ein braves Wunschenkelkind, um in eine visualisierte Bilderbuchgroßelternrolle schlüpfen zu können, oder können sie die Kinder als Individuen mit Ecken und Kanten akzeptieren? Letztlich treffen auch hier Menschen mit Vorgeschichte und Persönlichkeit auf ebensolche Menschen, aber mit ein bisschen Glück, Ausdauer und Bemühen können sicher lebenslange Herzensverbindungen entstehen.

Assistenzhunde – Freunde und Helfer fürs Leben

Nora (ein Mädchen im Rollstuhl) und Zoe (ein Assistenzhund)

Eine besondere Ruhe geht von Tatjana Kreidler aus, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Über 60 Teams hat die Diplom-Sozialpädagogin bereits ausgebildet, wie die ZDF-Sendung „Lebensretter auf vier Pfoten“ berichtet.

Im Jahr 2000 hat sie den gemeinnützigen Verein VITA e.V. Assistenzhunde gegründet, der Assistenzhunde für Menschen mit Behinderung ausbildet. Die von der Sozialpädagogin entwickelte Kreidler-Methode sensibilisiert Hund und Mensch fürei­nander und bildet die Grundlage für ein erfolgreiches Miteinander. Hunde können ausdauernd, zuverlässig und voller Freude dem eingeschränkten Menschen eine höhere Lebensqualität ermöglichen. Lebensmut, Selbstvertrauen und die eigenständige Gestaltung des Alltags lassen sich so immens steigern.

Nora und Zoe

Frau Kreidler, wie lässt sich herausfinden, ob Assistenzhund und Mensch ein gutes Team bilden würden?

Genau wie wir Menschen ist jeder Hund anders und harmoniert nicht mit jedem menschlichen Partner. Entscheidungsgrundlage sind die Persönlichkeitsprofile, die die VITA-Mitarbeiter von Hund und Bewerber erstellen und miteinander abgleichen. Diese Profile müssen zusammenpassen wie Schloss und Schlüssel. Nur wenn alles stimmt, können beide Partner effektiv, vertrauensvoll und zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeiten.
Während des sogenannten Matchings beschnuppern sich dann Hund und Bewerber, verbringen Zeit mit gemeinsamem Kuscheln und gehen zusammen mit mir spazieren. Die folgenden Tage des Matchings im VITA-Ausbildungszentrum liefern durch Gespräche und intensive Beobachtung Klarheit darüber, ob die Chemie zwischen Bewerber und Hund stimmt.

Erfährt ein Assistenzhund Freude während seiner Tätigkeit oder ist es „Arbeit“ für den Hund?

Auch ich hatte vor meiner Ausbildung zum Instructor größte Bedenken, dass Behindertenbegleithunde nur als Hilfsmittel benutzt werden, dass sie funktionieren sollen und kein artgerechtes Leben führen können. Dürfen die Hunde jemals laufen, spielen und umhertollen? Dann begegnete ich in Großbritannien den ersten Teams. Ausgeglichene Hunde sahen ihre Menschen rutenwedelnd und mit fröhlichen Augen an, die sagen wollten: „Hey, hast du nicht noch einen Job für mich?“ Ich war völlig fasziniert.
Natürlich dürfen VITA-Assistenzhunde auch laufen, spielen, schwimmen etc. Darüber hinaus haben sie etwas, was die meisten Hundeführer ihrem Hund nicht bieten können: Sie sind Teil eines völlig aufeinander angewiesenen Teams.

Nora und Zoe bei Noras Einschulung

Eines dieser ganz besonderen Teams bilden Hündin Zoe und Nora, die an einer seltenen Muskelerkrankung leidet und auf den Rollstuhl angewiesen ist. Unter strengen coronabedingten Hygienereglungen fand im Juni 2020 ein sogenanntes Matching statt, bei dem geschaut werden sollte, ob Hund und Mensch zueinanderpassen. Schnell war klar, dass zwischen der schwarzen Labradorhündin Zoe und dem selbstbewussten Mädchen eine besondere Bindung bestand. Kurz darauf konnte die Zusammenführung starten. Seit Noras Einschulung im Herbst 2020 steht Zoe an Noras Seite und ist ihr dabei behilflich, mehr und mehr Eigenverantwortung zu übernehmen.

Brief von Nora an VITA e.V.

Spielt es bei der Ausbildung des Hundes eine Rolle, ob er später einen Erwachsenen oder ein Kind unterstützen soll?

Ein Assistenzhund kann eine besondere Rolle in der Entwicklung von körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen spielen. Er vermittelt ihnen uneingeschränkte Geborgenheit und emotionale Sicherheit. Er ist Partner und Spiel­kamerad zugleich und macht unabhängiger von den Eltern. Der Assistenzhund steigert langfristig das Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen und hilft, eigene Kompetenzen zu erlangen und zunehmend Verantwortung für sich und den Hund zu übernehmen. Das ganzheitliche Konzept, nach dem wir arbeiten, beeinflusst die Entwicklung von Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten in allen Lebensbereichen positiv und schafft Veränderung. Die VITA-Assistenzhunde wirken psychisch, physisch, sozial und kognitiv.

Mehr Infos unter:
www.vita-assistenzhunde.de

Der Verein VITA e.V. Assistenzhunde stellt Menschen unabhängig von ihrer finanziellen Situation einen vierpfotigen Partner zur Seite. Die Kosten für die Zeit des Aufwachsens und der Ausbildung eines Assistenzhundes belaufen sich, ohne die hundelebenslange Nachbetreuung, auf durchschnittlich 25 000 Euro. Die Finanzierung der VITA-Assistenzhunde erfolgt durch Spenden, Fördermitglieder und Sponsoren, ebenso auch die Ausbildung und Nachbetreuung der Hunde.

Quellen: vita-assistenzhunde.de, wikipedia.org; Fotos: vita-assistenzhunde

„Lieber nur ein Bein, als tot“

Alex Böhmer

Wie Alex Böhmer sein Bein verlor, aber seinen Lebensmut behielt

Es raschelt im Hintergrund. Die Stimme einer Frau ist zu hören. „Mama, kannst du bitte rausgehen, damit ich in Ruhe telefonieren kann? Ich bin ja schließlich derjenige mit nur einem Bein“, hört man Alex Böhmer zu seiner Mutter sagen. Er lacht dabei.
Alex ist 22 Jahre alt und von Beruf Flugbegleiter. In seiner Stimme ist die Freude herauszuhören, wenn er über seine Arbeit spricht. Derzeit kann er noch nicht wieder in seinen Beruf einsteigen. „Aber wenn Corona erstmal vorbei ist, gibt es für mich kein Halten mehr“, sprudelt es aus ihm heraus.

Alex Böhmer

Im August 2018 erkrankte Alex an einem Osteosarkom, einem bösartigen Knochentumor. „Damit rechnet man einfach nicht, schon gar nicht in meinem Alter“, erinnert er sich zurück. Der Tumor im rechten Bein wurde entfernt. Jedoch bildeten sich aggressive Keime. Die Gefahr einer Sepsis war hoch. Die notwendige Chemotherapie musste aufgrund der Keime ausgesetzt werden und die Ärzte rieten zur Amputation. „Was bringt einem ein Bein, wenn man am Ende tot ist?“, überlegt Alex. Das rechte Bein wurde oberhalb des Knies amputiert. Aufgrund der Phantomschmerzen bekam er Tabletten gegen Nervenschmerzen, die nur bedingt halfen. „Erst CBD-Öl hat bei mir dann zu einer anhaltenden Besserung geführt“, berichtet er.

Alex Böhmer

Es gibt unterschiedliche Prothesen: Alltagsprothesen, Sportprothesen, Prothesen für verschieden aktive Menschen oder Menschen mit unterschiedlichem Körpergewicht. „Meine Prothese ist wasserdicht. Das war mir wichtig“, berichtet Alex und erzählt, dass dies zum Wiedereinstieg in seinen Beruf auch erforderlich gewesen ist. Genius X3 nennt sich seine Prothese. Gerne hätte er auch eine Sportprothese, jedoch übernimmt die Krankenkasse hierfür nicht die Kosten.

Zweimal wöchentlich geht Alex Böhmer zur Physiotherapie. Die Praxis in Bonn hat sich auf Menschen mit Amputationen spezialisiert. Er erhält dort ein Gangtraining, lernt, das Gewicht gleichmäßig zu verteilen, Hindernisse zu umlaufen oder sogar Wasserkisten hin- und herzutragen. Sein Ehrgeiz hilft ihm dabei, kontinuierlich und mit Fleiß zu trainieren. „Es gibt immer eine Steigerung und es ist toll, die Fortschritte zu merken.“ Im Sommer will er mit seiner Physiotherapeutin Stand-up-Paddeln probieren. Hierbei wird auch die Rumpfstabilität trainiert.

Alex Böhmer

„Manchmal sind die Menschen erstaunt, wenn ich neben ihnen die Treppe hoch­gehe und dann erwähne, dass ich nur noch ein Bein habe“, erzählt er nicht ohne Stolz. Wenn er Hosen trägt, fällt sein Handicap kaum auf. Im Sommer versteckt er seine Prothese jedoch nicht. „In kurzen Hosen gibt es keine Reibung an der Prothese, deswegen würde ich auch im Winter am liebsten so rumlaufen“, erzählt er. Je weniger Reibung, desto freier kann die Prothese schwingen und das Laufen wird flüssiger. Zudem nehmen die Menschen mehr Rücksicht, wenn sie seine Prothese sehen können.

Die Reaktionen des Umfelds sind größtenteils positiv. Insbesondere Kinder begegnen ihm mit Neugier. „Ich war im Zoo und ein Kind kam auf mich zu“, fängt Alex Böhmer schon halb lachend die Geschichte an. „Das Kind fragte mich, was mit meinem Bein los wäre. Ich sagte, ich hätte es durch eine Krankheit verloren. Das Kind entgegnete daraufhin: Soll ich dir suchen helfen?“
Negative Begegnungen seien selten. Einmal ging Alex mit seinen Freunden, die er über seine Erkrankung kennengelernt hatte und die ebenfalls sichtbare Amputationen besaßen, spazieren. Ein älteres Ehepaar streifte ihren Weg. „Ekelhaft, dass die sich überhaupt raustrauen“, hörten sie die Frau zu ihrem Mann sagen. „Dann hoffen wir mal, dass ihre Kinder immer gesund bleiben“, entgegnete Alex’ Bekannte perplex. Er selbst fand keine Worte. „In solchen Situationen ist man einfach zu überrascht, um überhaupt reagieren zu können.“

Unterstützung fand Alex Böhmer insbesondere bei seiner Mutter: „Sie war immer dabei und war auch spürbar besorgt, aber niemals hat sie mir den Eindruck vermittelt, dass sie daran glauben könnte, dass ich es am Ende nicht schaffe. Sie hat mir durch ihr Verhalten und Dasein enorme Kraft gegeben.“

Einige Freunde hätte er seit seiner Krankheit verloren, neue Freundschaften seien entstanden. „Sicher gibt es auch Positives an der ganzen Geschichte“, resümiert er. „Ich bin geduldiger geworden. Gelassener. Ich setze andere Prioritäten. Aber weißt du was? Auf diese Lektionen hätte ich gerne verzichtet, wenn ich im Gegenzug dafür nie krank geworden wäre.“

Fotos: privat