Birgit Schrowange Schirmherrin der herztat® Stiftung
Liebe Frau Schrowange,
Altersarmut ist längst kein Randthema mehr. Rund drei Millionen Menschen über 65 Jahren gelten in Deutschland als armutsgefährdet – Tendenz steigend. Besonders betroffen sind alleinlebende Frauen, deren Erwerbsbiografien häufig durch Kindererziehung, Teilzeitarbeit oder geringere Einkommen geprägt waren. Während politische Lösungen oft nur langsam greifen, leisten zahlreiche Stiftungen, Vereine und ehrenamtliche Initiativen wertvolle Unterstützung und helfen dort, wo Hilfe dringend gebraucht wird. Sie engagieren sich seit Jahren für gesellschaftliche Themen und setzt sich auch für Menschen ein, die im Alter Altersarmut geraten sind.
Sie engagieren sich seit Jahren für soziale Themen, unter anderem gegen Altersarmut. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich gerade hier einzusetzen?
Armut ist meistens weiblich und ich finde es sehr wichtig, gerade auch junge Frauen darauf hinzuweisen, dass ein Ehemann keine Altersversicherung ist, dass fast jede dritte Ehe geschieden wird und man auch bedenken sollte, dass es bei Teilzeitarbeit keine volle Rente gibt. Es ist traurig mitanzusehen, dass es viele ältere Frauen gibt, die dadurch in Armut abgerutscht sind.

Altersarmut bedeutet weit mehr als finanzielle Sorgen. Sie führt häufig auch zu Einsamkeit, Unsicherheit und einem Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben. Was hat Sie bei Ihren Begegnungen mit Betroffenen besonders bewegt?
Ich bin Botschafterin der Herztatstiftung, die sich auf Mallorca um in Not geratene deutsche Seniorinnen und Senioren kümmert. Mich bewegt immer wieder, dass viele alte Menschen ihre Kontakte in Deutschland abgebrochen haben und jetzt oftmals, wenn z.B. der Ehepartner verstorben ist, völlig hilflos und allein sind und leider nicht früher bedacht haben, dass das Geld nicht reichen oder die Miete steigen könnte. Es sind sehr traurige Schicksale darunter, umso wichtiger ist es, alle Eventualitäten einzuplanen und Vorsorge zu treffen, nicht nur hier in Deutschland, sondern auch, wenn man in ein fremdes Land auswandert.

Frauen sind überdurchschnittlich häufig von Altersarmut betroffen. Worin sehen Sie die wichtigsten Ursachen – und was müsste sich ändern, damit künftige Generationen besser abgesichert sind?
Es ist leider immer noch so, dass viele Frauen den Hauptteil der Hausarbeit und Kindererziehung leisten, oftmals ihrem Mann, der Karriere macht, den Rücken freihalten. Viele Frauen arbeiten Teilzeit und ihnen fehlen dadurch entsprechend Rentenpunkte. Es ist wichtig, mit seinem Ehepartner über Geld zu sprechen und auch über einen finanziellen Ausgleich, wenn eine Frau wegen der Kinder erst einmal zu Hause bleibt. Ein Ehevertrag kann all diese Dinge regeln, damit es kein böses Erwachen gibt.
Viele Frauen arbeiten über Jahre in Teilzeit, übernehmen Familien- und Pflegearbeit oder verdienen noch immer weniger als Männer. Welche gesellschaftlichen und politischen Veränderungen halten Sie für notwendig?
In erster Linie: dass Frauen endlich genauso entlohnt werden, wie Männer. Es ist ein Unding, dass es da immer noch Unterschiede gibt.
Wer heute im Alter von Armut betroffen ist, hat oft nur begrenzte Möglichkeiten, seine finanzielle Situation noch grundlegend zu verbessern. Wo sehen Sie kurzfristig die größten Hebel – und welche Rolle spielen dabei ehrenamtliche Initiativen, Stiftungen und das gesellschaftliche Miteinander?
Ich würde begrüßen, wenn man in der Schule ein Fach „finanzielle Intelligenz“ einführen würde. Es ist sehr wichtig, schon frühzeitig privat für sein Alter vorzusorgen. Man kann man schon mit kleinen Beträgen, ab 25 Euro monatlich, in einen globalen Aktienfonds oder ETF, einsparen. Der Zinseszinseffekt ist enorm. Für die älteren Menschen, die nicht vorgesorgt haben oder es auch nicht konnten, gibt es mittlerweile einige Organisationen und Stiftungen, die sich kümmern. Das ist wunderbar. Wir als Gesellschaft sollten unsere Augen aufmachen und „vor der eigenen Haustür“ helfen, wenn wir sehen, da ist jemand, der unsere Hilfe braucht. Es ist schön, dass es so viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer gibt. Ohne sie würde alles zusammenbrechen.
In einigen europäischen Ländern – etwa in den Niederlanden – gibt es ein stärker ausgeprägtes staatliches Grundrentensystem. Wie bewerten Sie solche Modelle? Könnten sie Ihrer Meinung nach auch in Deutschland ein sinnvoller Ansatz sein, um Altersarmut wirksam zu bekämpfen?
Ja, ich denke, die Niederlande sind da ein gutes Vorbild.
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für unser Gespräch genommen haben.
Peter Lange
Herausgeber
Fotos: Credit lovethenow.de
