Abenteuer Nachhaltigkeit

Abenteuer Nachhaltigkeit: Wie ein Segelschiff Bewegung in die Containerschifffahrt bringt

Erinnern sie sich noch an die EVER GIVEN, die sich im März 2021 im Suezkanal querstellte und für eine Woche lang Handelsschiffe auf ihrem Weg von und nach Europa blockierte, filigrane Lieferketten mit einem Mal zusammenbrachen und die wirtschaftlichen Auswirkungen noch über längere Zeit zu spüren waren?

Der Containerriese hat ein Problem sichtbar gemacht, das lange unter dem Radar geblieben ist: 90 Prozent aller Güter, die weltweit transportiert werden, gelangen über den Seeweg zu uns. Mit Schiffen, die Unmengen an Treibstoff – darunter giftiges Schweröl – verbrennen und Meer und Umwelt massiv schädigen. Je größer das Schiff, desto vermeintlich effizienter und nachhaltiger will der Transport auf solch einem Schiff sein. Viel entscheidender aber: Er wird immer billiger. Die Zahl der Transporte und Schiffe steigt kontinuierlich, ohne dass die Frage der Notwendigkeit oder die nach den versteckten Kosten durch Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer und dergleichen ausreichend berücksichtigt wird. Und unser Planet ächzt unter der stetig wachsenden Belastung.

Cornelius Bockermann hat sich 2014 mit seinem Unternehmen Timbercoast darangemacht, sich diesen notwendigen Fragen zu stellen und eine ganz eigene Antwort darauf zu finden: Mit seinem Frachtsegler AVONTUUR transportiert der Kapitän und Eigner Waren, die es nur jenseits des Atlantiks gibt, auf die wir aber ungern in unserem Alltag verzichten wollen. Kaffee, Kakao, aber auch Rum werden so per Windkraft nach Deutschland verschifft. 15 Besatzungsmitglieder segeln und arbeiten wie früher auf dem in den Niederlanden gebauten Gaffelschoner von 1920, der in Hamburg jedes Jahr wieder instandgesetzt wird für die nächsten Transportreisen unter Segeln.

Der Name heißt übersetzt „Abenteuer“ und ist auch Programm: Gemeinsam mit Frachtpartnern in aller Welt, die auf den sauberen Transport ihrer fair gehandelten und biologisch nachhaltig angebauten Waren setzen, schafft Cornelius Bockermann ein sichtbares Zeichen dafür, dass Seetransport im 21. Jahrhundert durchaus umweltfreundlich gestaltet werden kann. Egal, welchen Alters oder Geschlechts – von überallher zieht es Menschen auf die AVONTUUR, die aktiv mit anpacken wollen, um eine Veränderung voranzutreiben, die wir dringend brauchen. Denn aus dem sinnvollen und notwendigen Transport von Gütern ist ein profitabler Wachstumsmarkt geworden, der unreguliert unseren Planeten schröpft. Und auch wenn das Segelschiff nur vergleichsweise geringe Ladungsmengen transportieren kann und wie ein Tropfen im Ozean erscheint – die AVONTUUR will eben auch zeigen, dass weniger mehr ist.

Heute gibt es eine ganze Reihe von Frachtsegelprojekten weltweit, die bereits unterwegs oder im Entstehen sind. Immer mehr Menschen sind davon überzeugt, dass wir nur mit der Natur, nicht ihr zuwider langfristig profitieren können. Es kommt Bewegung in eine Branche, die lange Zeit unsichtbar geblieben ist. Was als immer gegeben („ever given“) angesehen wurde, müssen wir heute notwendigerweise in Frage stellen. Die AVONTUUR und ihre Besatzung transportiert in erster Linie eines: einen Lösungsbaustein.

Daniel Martens

 

Fotos: Timbercoast