Claudia Michelsen im Gespräch

Liebe Frau Michelsen,

als ich den Pressetext gelesen habe, sah ich mich sofort mit dem Film „Jenseits der Stille“ konfrontiert, aber hier ging es ja darum, dass die Eltern in diesem Film gehörlos sind und die Tochter nicht. Hier sieht man auch deutlich, den emotionalen Balanceakt des Vaters  gegenüber der Tochter.

Wie haben Sie sich, gespielt als Richterin, emotional in die Eltern hinein versetzt? Wie war hier Ihr Zugang?

Die Verbindung der einen Mutter zur anderen wird ja ganz klar im Film hergestellt. Die eine hat vor Jahren ihr Kind verloren und die andere hat Angst davor. Dadurch haben wir hier die emotionale Ebene bedient, das ist die Verbindung, der sich Jolanda nicht entziehen kann. Was heißt Verantwortung, was heißt Mutterinstinkt?

Unsere Leser:innen werden sicher wissen wollen, wie Sie als Juristin den schwierigen Spagat zwischen den medizinischen Möglichkeiten, der fürsorglichen Tante Jette und den abgeneigten Eltern den emotionalen Bogen zu spannen.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Den Bogen spanne ja nicht ich persönlich, sondern die Dramaturgie des Buches, die Geschichte von Katrin Bühlig. Tatsächlich würde ich diese Frage lieber an sie weitergeben. Sie positioniert die eine und die andere Seite, wägt ab und verurteilt nicht. Das ist das Großartige an diesem Buch.

Meine langjährige Erfahrung in Bezug auf Kinder mit Mobilitätseinschränkungen haben mich gelehrt, dass das Kindeswohl im Vordergrund steht und die Eltern, Freunde und Angehörige in der Regel alles medizinisch Mögliche unternehmen, damit es dem Kind gut geht.

Wie würden Sie, wenn Sie sich in einer ähnlichen Situation befinden würden, für sich entscheiden?

Das ist die schwerste Frage, da es tatsächlich von der Situation des Kindes abhängt, vom sozialen Umfeld etc. Diese Frage stellen sich Eltern tagtäglich und machen natürlich auch Fehler. Aber trotzdem kann man für den Moment nur sich selbst und seiner liebenden Intuition vertrauen in der Hoffnung auf das Beste.

Ich bin mir sicher, dass viele von uns in ihrer Vergangenheit den einen oder anderen Schicksalsschlag verdauen und wegstecken mussten und wenn nur eine einzige Entscheidung anders getroffen oder gefällt worden  wäre, hätte sich daraufhin das Leben und die Zukunft sicherlich geändert.

Wie sehen Sie das?

Ja, so ist das. Wenn man bestimmte Dinge oder ich nenne es mal Fehlentscheidungen realisiert hat und später über das Negative stolpert, über das was wäre gewesen wenn. Dann wird Vergebung zur Notwendigkeit. Sich Entscheidungen zu verzeihen, sich zuzugestehen, dass man sicherlich in diesem vergangenen Moment alles, das Beste, getan hat nach seinen derzeitigen Möglichkeiten, seinen Frieden damit zu machen ist essenziell. Aber in unserer Geschichte geht es mir nicht um Fehlentscheidungen, sondern um die Akzeptanz, dass Eltern sehr wohl wissen, was sie für ihr Kind entscheiden und das der Staat das zu akzeptieren hat.

Wie haben Sie sich in der Vorbereitung auf diesen Film mit der Thematik Gehörlosigkeit bei Menschen, insbesondere bei Kindern auseinandergesetzt? Gab es hier professionelle Beratungsgespräche, z.B. mit Einrichtungen?

Ja, es gab viele Gespräche mit vielen Menschen. Simone Höller, die den Stoff mit Katrin Bühlig zusammen entwickelt hat, war ja schon seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, auch Katrin war die beste Gesprächspartnerin. Und natürlich waren die Begegnungen mit unseren Schauspielerinnen und Schauspielern oder unseren Dolmetschern das Wunderbarste was ich seit langem erlebt habe. Was für eine reiche andere Welt sich damit für mich eröffnet hat. Ein Reichtum in der Stille, in der Unaufwändigkeit. Eine Konzentration auf Kommunikation, auf ein Miteinander beim Arbeiten, wie ich sie nur selten erlebt habe.

Wir bedanken uns recht herzlich, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben und freuen uns riesig auf die Ausstrahlung des Films.

Peter Lange

Herausgeber

Fotos: Mathias Bothor; ZDF und Ben Knabe,_Bearbeitung Andrea Preysing; ZDF und Silviu Guiman