Delfintherapie – echt jetzt?
Delfintherapien: Zwischen Tierleid, Mythos und unbelegten Heilversprechen
Der therapeutische Einsatz von Delfinen wird häufig als außergewöhnliche Behandlungsform für Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen dargestellt. Die wissenschaftliche Evidenz für einen belastbaren Nutzen ist jedoch schwach. Gleichzeitig wirft die Instrumentalisierung hochintelligenter Meeressäuger erhebliche ethische und tierschutzrelevante Fragen auf.
Das Leid vieler „Therapiedelfine“ beginnt lange vor dem ersten Kontakt mit den Patient:innen. Ein großer Teil der Tiere stammt aus dem japanischen Fischerort Taiji, wo jedes Jahr hunderte Delfine geschlachtet werden und einzelne, für Delfinarien oder Therapieeinrichtungen besonders geeignete Tiere, lebend für hohe Summen verkauft werden. Eine Alternative zum Wildfang stellt die Zucht in Gefangenschaft dar. Auch diese ist mit erheblichem Tierleid verbunden: Totgeburten und Todesfälle in den ersten Lebensmonaten sind keine Seltenheit, zudem ist Inzucht ein verbreitetes Problem.

Das Meer kennt keine Beckenränder
Ganz anders als in freier Wildbahn, wo Delfine weite Strecken zurücklegen, bis zu 600 Meter tief tauchen und in komplexen Sozialverbänden leben, müssen Delfine in Gefangenschaft ein Dasein auf engstem Raum fristen. In Therapieeinrichtungen oder Delfinarien können sie weder ihr Revier noch ihre Sozialpartner frei wählen und schon gar nicht belastenden Situationen ausweichen. Statt selbst auf Nahrungssuche zu gehen, erhalten sie tiefgefrorenen Fisch. Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel gehören zum Alltag. Ihre Fortpflanzung bestimmt der Mensch. Unter dem Strich wird hochintelligenten Wildtieren ein Leben auf erzwungen, welches ihren natürlichen Bedürfnissen in keinster Weise gerecht wird.

Viele Delfine reagieren auf diese Haltungsbedingungen mit Verhaltensstörungen: Sie schwimmen unaufhörlich im Kreis, reiben ihre Zähne an Beton oder Metall bis auf den Nerv ab, zeigen auffällige Teilnahmslosigkeit und Apathie oder rammen ihren Kopf gegen Beckenränder. Die Folge: Um Delfinarien und Therapieeinrichtungen florieren zu lassen, ist das Management auf einen ständigen Nachschub an Delfinen angewiesen. Hinter diesem Bedarf steht ein System, das den „Verschleiß“ der Tiere einkalkuliert.

Was macht Delfintherapien für viele Menschen so attraktiv?
Delfine üben seit jeher eine besondere Faszination auf den Menschen aus. In Mythen und historischen Berichten erscheinen sie häufig als Retter in Seenot und gelten als außergewöhnlich intelligente und charismatische Tiere. Der Wunsch nach einer engen Verbindung zu ihnen hat vermutlich dazu beigetragen, dass ihnen im Laufe der Zeit immer wieder besondere – bis hin zu heilenden – Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Verstärkt wird dieses Bild durch das vermeintliche Lächeln der Tiere. Tatsächlich ist die nach oben gebogene Mundpartie jedoch anatomisch bedingt und kein Ausdruck von Freude oder Wohlbefinden. Gerade bei Tieren in Gefangenschaft wird das „Lächeln“ der Delfine zum Sinnbild eines Paradoxons: Ein Tier, das glücklich wirkt, obwohl es seiner Freiheit beraubt wurde.
Ist eine Delfintherapie überhaupt wirksam?
Die wissenschaftliche Evidenz fällt ernüchternd aus: Viele Studien weisen erhebliche methodische Mängel auf wie fehlende Kontrollgruppen, zu kleine Stichproben oder unzureichende Kontrollen von Placebo- und Erwartungseffekten. Auch neuere Übersichtsarbeiten zu tiergestützten Interventionen betonen, dass die vorhandene Forschung keine belastbaren Aussagen über spezifische Wirkmechanismen zulässt (siehe: Marino, L. & Lilienfeld, S. O. (2021); Wagner, C., Grob, C. & Hediger, K. (2022). Kurzum: Für Delfintherapien liegen bis heute keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege für eine spezifische therapeutische Wirksamkeit vor.

Gesamtbetrachtung
Nimmt man all diese Aspekte zusammen, drängt sich eine grundlegende Frage auf: Ist es vertretbar, hochintelligenten Meeressäugern dauerhaftes Leid aufzuerlegen, um Menschen möglicherweise zu helfen? Fakt ist, dass Delfine für diese Form der Therapie einen hohen Preis zahlen, nämlich den Verlust ihrer Freiheit, ihres natürlichen Lebensraums sowie ihrer körperlichen und psychischen Gesundheit. Es wird bewusst das Leid von Wildtieren in Kauf genommen, um menschliches Leid möglicherweise zu lindern. Allein dieser Konflikt ist nicht hinnehmbar.
Hinzu kommt, dass bis heute kein wissenschaftlicher Nachweis erbracht wurde, der eine spezifische therapeutische Wirksamkeit von Delfintherapien überzeugend belegt.
Mathias Hansen
Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V. (GRD)
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Text: Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V. (GRD)
Fotos: ©Andrea-Steffen und CPWF