Digitaler Schulunterricht – Wer lehrt hier eigentlich wen?

Digitaler Schulunterricht – Wer lehrt hier eigentlich wen?

Mara befindet sich derzeit im Homeschooling: Sie muss sich ihren Unterrichtsstoff zuhause selbst erarbeiten. Ihre Mutter ist überfordert: Wie schicke ich die handgeschriebenen Hausaufgaben in digitaler Form an die Lehrerin? Habe ich das Lehrkonzept überhaupt richtig verstanden? Wo kann ich Hilfe bekommen, um die benötigte Software zu installieren und zu bedienen? Und wie kann ich mein Kind trotz eigener Verpflichtungen pädagogisch unterstützen und motivieren? Der digitale Ausbau der Schulen in Deutschland hinkt den Nachbarländern noch deutlich hinterher, was gerade in Zeiten von Corona deutlich wurde.

Besonders schwierig wird es, wenn ein Elternteil aufgrund der Kinderbetreuung selbst im Homeoffice am Computer arbeiten muss und dem Haushalt keine weiteren technischen Geräte zur Verfügung stehen. Nicht jeder Grundschüler besitzt bereits einen eigenen und hinreichend ausgestatteten Computer samt Arbeitsplatz, an dem man sich in Ruhe dem Unterrichtsstoff widmen kann. Oft befinden sich im Haushalt zusätzlich noch Geschwisterkinder, die ebenfalls dem digitalen Schulunterricht nachgehen müssen, weswegen plötzlich zwei, drei oder mehr Computer benötigt werden.

Finanzielle Unterstützung für sozial schwache Familien ist bisher kaum vorgesehen. Das Landessozialgericht Essen (Az. L 7 AS 719/20 B ER, L 7 AS 720/20) hat allerdings mittlerweile entschieden, dass die Anschaffung eines internetfähigen Endgerätes im Rahmen von Sozialleistungen gefördert werden kann. Häufig wird jedoch nicht nur ein Computer benötigt, sondern auch spezielle Software, ein Drucker samt Tintenpatronen und Papier – und vor allem ausreichend Zeit und Motivation auch seitens der Eltern.

In einer repräsentativen Befragung gaben 75 % der Eltern Probleme beim Homeschooling an. 37 % der Befragten äußerten, sich von der Schule im Stich gelassen gefühlt zu haben. Technische Probleme hatten 31 % der befragten Eltern.

Besondere Problemkonstellationen ergeben sich bei sozial schwachen Familien, Mehrkindfamilien, Familien mit Migrationshintergrund, Alleinerziehenden und bildungsfernen Familien. Häufig kommen mehrere dieser Faktoren zusammen und erschweren die Situation für die betreffenden Familien zusätzlich. Auch beengte Wohnraumsituationen oder die coronabedingte Schließung von Spielplätzen und Einschränkung weiterer Freizeitaktivitäten führen zu Besonderheiten, die sich auf das konzentrierte Arbeiten beim Homeschooling auswirken können. Nicht jede Familie verfügt über einen eigenen Garten, in dem die Kinder während der Pausen frische Luft tanken und sich frei bewegen können. Eine wesentliche Gefahr beim digitalen Schulunterricht ist somit die soziale Spaltung: Kinder aus Familien mit erschwerten Bedingungen werden schnell benachteiligt, weil sie den vorgegebenen Stoff nicht eigenständig erarbeiten können. Die Bildungsgerechtigkeit kann daher bisher nicht angemessen gewährleistet werden.

Insbesondere ältere Schüler müssen beim digitalen Unterricht ihren Alltag oft selbst organisieren. Kein vorgeschriebener Stundenplan sagt ihnen, wann sie zu rechnen oder zu lesen haben, sondern die Zeit kann frei eingeteilt werden. Dies kann schnell zur Überforderung führen. Persönliche Unterstützung durch Lehrer wird häufig den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht. Rund 37 % der Lehrer gaben an, dass sie während der coronabedingten Schulschließung im Frühjahr 2020 mit weniger als der Hälfte der Schüler regelmäßigen Kontakt hatten. Dies mag viele Ursachen haben: Wenn der Lehrer per Doodle einen Zoom-Call oder eine Skype-Konferenz mit dem Schüler vereinbaren möchte, fühlen sich viele Eltern angesichts der technischen Herausforderungen überfordert. Häufig wird hier auch ein Mikrofon oder eine Kamera am technischen Endgerät vorausgesetzt.

Der digitale Schulunterricht bietet viele Chancen, jedoch mangelt es sowohl Eltern als auch Lehrern noch an Erfahrung in diesem Bereich. Auch die Politik muss noch Möglichkeiten schaffen, um soziale Nachteile auszugleichen und Lehrkräfte und Eltern zu schulen.

Die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung im digitalen Unterricht und dem Nachgehen eigener beruflicher Tätigkeiten muss durch Rahmenbedingungen im Arbeitsrecht ebenfalls optimiert werden. Eltern kann die Doppelbelastung aus Berufstätigkeit und Lehrtätigkeit im digitalen Schulunterricht daheim nicht als dauerhafte Lösung zugemutet werden, ohne ihnen entsprechende Nachteilsausgleiche anzubieten. Leihgeräte könnten beispielsweise zu einer verbesserten Chancengleichheit beitragen ebenso wie spezielle finanzielle Förderungen für sozial schwächer gestellte Familien.

Die Schule ist zudem nicht nur ein Ort, an dem Unterrichtsstoff gelehrt und gelernt wird. Auch soziales Miteinander und der Umgang mit Regeln werden dort geübt. Freundschaften werden geknüpft und Konflikte ausgetragen. In den Pausen wird gemeinsam getobt und wer einmal das Pausenbrot vergessen hat, bekommt häufig eine Apfelspalte von seinem Sitznachbarn rechts und ein halbes Käsebrot vom Sitznachbarn auf der anderen Seite angeboten – all dies kann der digitale Unterricht gar nicht ersetzen.

Quellen: ndr.de, statista.com, daserste.ndr.de, rp-online.de Fotos: Fam Veld_shutterstock.com, Fabio Principe_shutterstock.com

Inklusion ist mehr als gemeinsamer Unterricht

Gastbeitrag von Dr. Tobias Böcker, Geschäftsführer der SRH Schulen GmbH in Neckargemünd

Bisweilen scheint sich die Diskussion um Inklusion ausschließlich auf die Themen „Schule“ und – enger – „Gemeinsamer Unterricht“ zuzuspitzen. Für Dr. Tobias Böcker, Geschäftsführer der SRH Schulen GmbH in Neckargemünd, ist Inklusion vielmehr eine selbstverständliche Grundanforderung an die gesamte Gesellschaft in allen Lebensphasen und Lebensbereichen. Vor diesem Hintergrund beleuchtet er den konstruktiven Beitrag der Sonderpädagogik zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Inklusion.

Inklusion – Chancengerechtigkeit und Teilhabe

Der Inklusion geht es um Chancengerechtigkeit, Toleranz und Teilhabe, um die Achtung von Menschenrechten, Grundfreiheiten und Vielfalt, um Solidarität und den vorbehaltlosen Zusammenhalt der Gesellschaft. Aufs Ganze gesehen ist das entscheidende Ziel die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben in unserer Gesellschaft. Dazu gehören die Chancengleichheit in der Bildung von Anfang an, die berufliche Integration und substantiell die Selbstbestimmung des Menschen in einer barrierefreien Gesellschaft. Es geht darum, dass Menschen ihr Leben in ungehindert selbstbestimmter Biografie aktiv und eigenständig entwerfen, gestalten und verantworten.

Schule – Erfahrungsraum und Trainingscamp

Unabhängig von ihrer konkreten Form definiert die Schule als solche einen biografischen Abschnitt des Übergangs. Schule ist kein Selbstzweck; sie fungiert einerseits als sozialer (Selbst-)Erfahrungsraum und andererseits als Trainingscamp für das, was danach kommt.
Für junge Menschen ist die Begegnung auf Augenhöhe mit Respekt, Geduld und Wertschätzung eine substantielle Lebenserfahrung – nicht allein im schulischen Kontext. Schule hat ihren Sinn indes nicht nur im aktuellen Lebensabschnitt der Schulzeit und in den damit verbundenen sozialen Erfahrungen, sondern wesentlich auch im zukunftsbezogenen Ausblick auf den weiteren Lebensweg. Sie dient dazu, zu lernen, Lebenskompetenz zu entwickeln, Ressourcen zu stärken, Begabungen zu finden und zu fördern. Der schöne Spruch „Der Weg ist das Ziel“ kann keine ausschließliche Geltung beanspruchen. Ebenso gilt: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“.

Sonderpädagogik – positives Feedback und individuelle Bildungschance

Der sonderpädagogische Ansatz der SRH Schulen sorgt für ganzheitlich stärkende Erfahrungen in der Peergroup, u. a. auch in der sogenannten „umgekehrten Inklusion“. Diese reichern die individuelle Bildungsbiografie unmittelbar positiv an, geben den Kindern und Jugendlichen positives Feedback und stärken ihr Selbstwertgefühl.
Schule und Unterricht berücksichtigen die individuellen Gegebenheiten, Begabungen, Neigungen und Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen. Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche in manchen Lebenssituationen oder -abschnitten einer auf sie zugeschnittenen, intensiven Zuwendung sowie spezifischer Ressourcen und individueller Förderung bedürfen. Dazu halten wir ein umfassendes sozial-, schul- und sonderpädagogisches Angebot vor, das von den Bedürfnissen des einzelnen Kindes bzw. Jugendlichen ausgeht.

Deine Bildung, dein Leben – Heidelberger Plan

Unser „Heidelberger Plan“ fasst die wesentlichen Anliegen unserer Pädagogik unter vier leitenden Schlagworten zusammen:
• Alle annehmen – Vielfalt und Inklusion
• Leben entwerfen – Persönlichkeitsentwicklung und Lebenskompetenz
• Aktiv beteiligen – Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit
• Gemeinsam verantworten – zusammen arbeiten in Netzwerken

Das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum versteht sich als ein intensives, inklusives Angebot eigener Art. Es lässt sich nicht auf die Rolle einer Art Restschule für – bedauernd beiseite gestellte – „nicht inkludierbare Fälle“ in einer ansonsten „inklusiven“ Schullandschaft reduzieren. Im Gegensatz zu solch zynischen Überlegungen sehen wir uns als ein Kompetenzzentrum, das individuell angepasste Ressourcen in differenzierter Form verfügbar macht, neben der Lernsituation im Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum auch in kooperativen Settings in Zusammenarbeit mit allgemeinen Schulen oder in der aktiven Unterstützung schulischer Inklusion.

Fazit – Sonderpädagogik, ein Motor der Inklusion

Die SRH Schulen GmbH versteht Inklusion als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir leisten unseren biografieorientierten Beitrag zur Ermöglichung von umfassender, chancengleicher Teilhabe, wie sie jeder Lebensentwurf zu Recht für sich in Anspruch nehmen kann. Sonderpädagogik ist in diesem Selbstverständnis keine ausgrenzende Bremse der Inklusion, sondern ein Motor, der ihre Dynamik voranbringt.


Die SRH Schulen GmbH betreibt in Neckargemünd zwei Sonderpädagogische Beratungszentren, die Stephen-Hawking-Schule mit Internat (Förderschwerpunkt körperlich motorische Entwicklung) und die Viktor-Lenel-Schule (Förderschwerpunkt sozial emotionale Entwicklung) sowie ambulante, teilstationäre und stationäre Angebote der Jugendhilfe. Die Kernkompetenz liegt in einer über 40-jährigen Tradition als Träger von sonderpädagogischen Bildungseinrichtungen und Jugendhilfemaßnahmen.


Text und Fotos: SRH Schule

Schulunterricht zwischen Eichen, Buchen und Tannen

In der SRH Stephen-Hawking-Schule erfahren Schüler mit und ohne Körperbehinderung in der Waldpädagogik den Wald als schützenswerten Lebensraum.

Zusammen mit den Grundschülern aus der Waldpädagogik AG wandert Fachlehrerin Silvia Arnold durch den Neckargemünder Wald und sammelt Eicheln. „Die Natur ist für uns ein echtes Klassenzimmer, in dem Schüler direkt erleben können, wie Baumrinde sich anfühlt, eine Schnecke kriecht oder welche Spuren Rehe hinterlassen. Zum Glück ist der Wald nur ein paar Schritte von der Schule entfernt“, erklärt sie. Die gelernte Ergotherapeutin absolviert derzeit eine Ausbildung als Waldpädagogin. „Die Schüler sollen den Wald und ihre Umwelt mit allen Sinnen als schützenswert kennenlernen.“

Die Waldpädagogin arbeitet zukünftig an der SRH Stephen-Hawking-Schule, die alle Bildungsgänge von der Grundschule bis zum Gymnasium für Schüler mit und ohne Körperbehinderung abbildet, fächer- und bildungsgangübergreifend. „Wir vermitteln nicht nur Umweltbewusstsein, sondern ermöglichen es den Schülern auch, Unterrichtsinhalte in der Natur zu erleben“, erläutert Schulleiter Thomas Bohnert. Schüler aller Altersklassen profitieren von diesem Konzept. Während Grundschüler sich im Sachunterricht mit Tieren, Pflanzen und Jahreszeiten befassen, lernen die älteren Schüler in den Fächern Erdkunde, Biologie oder Mathematik Themen wie Holzproduktion und den CO2-Kreislauf am konkreten Beispiel im Wald kennen.

Die Grundschüler der Waldpädagogik AG begeben sich aktuell auf die Spuren der Eichhörnchen. An einer Tafel, die Silvia Arnold mit zwei Bändern zwischen zwei Bäumen aufgespannt hat, lernen sie deren Verhalten und Ernährungsgewohnheiten kennen. Im Anschluss suchen sie gemeinsam den perfekten Ort, um ihre gesammelten Eicheln wie die kleinen Nager zu verstecken. „Die Bewegung und Aktivitäten im Wald fördern auch die sozialen Kompetenzen der Kinder. Unsere körperbehinderten und nicht behinderten Kinder helfen sich gegenseitig. Ein Kind, welches Unterstützung beim Gehen benötigt, hat vielleicht die beste Idee, wo das perfekte Versteck für die Eicheln ist. So wächst ein Team zusammen und die Kinder übernehmen Verantwortung füreinander“, berichtet Silvia Arnold.

Das ganze Jahr über bietet sie den Unterricht im Wald an. So erleben die Schüler die Jahreszeiten und deren Auswirkungen auf die Natur hautnah. „Mir liegt es besonders am Herzen, den Kindern ein emotionales Bewusstsein für die Umwelt zu geben und sie das Leben in der Natur spüren zu lassen. Nur, wenn sie den Wald lieben und verstehen, gehen sie auch später achtsam und verantwortungsbewusst damit um.“

Weitere Informationen:
SRH Stephen-Hawking-Schule
Info.shs@srh.de
www.stephenhawkingschule.de