Was macht eigentlich Clemens?

Ein echt inklusives Märchen.

Es war einmal ein Clemens, der startete als Überraschungspaket in Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands, voll durch. Mit seiner fröhlichen, musikalischen Art bezauberte er alle, die ihn kennenlernten, und er machte seinen Eltern und seiner mindestens ebenso bezaubernden Schwester jeden Tag Freude.
Clemens

Seine Eltern waren Kämpfer und zogen seit seiner Geburt mit vielen Freunden und Helfern in den täglichen Wettstreit gegen sture Paragraphen-Reiter, zornige Juristen-Drachen und gegen die fest auf dem Talertopf sitzenden Teilhabe-Verweigerer. Und weil sie damit so erfolgreich waren, durfte Prinz Clemens nach seiner wundervollen heilpädagogischen Kindergartenzeit dann vier wunderbare Jahre erfolgreiche Inklusion erleben. Vier Jahre an der bunten Görlitzer DPFA-Regenbogengrundschule – vier Jahre als echter Klassenkamerad, Pausenclown und Freund.

An seiner Seite ein tolles Team aus Schulbegleiterin, Hortner, Integrationslehrerin, Physio- und Ergotherapeutin, Logopäde, Pädagog:innen, Praktikanten und FSJlern, die jeden Tag zu etwas ganz Besonderem machten … alle gemeinsam – eben ganz inklusiv.

Clemens konnte alles erleben, was Eltern sich für ihr Grundschulkind wünschen: Wandertage, Fahrradführerschein, Trommelworkshop, Kochkurse, Zirkusworkshop, Regenbogenband mit eigener CD-Produktion, Bühnenauftritte, Werkunterricht, Weihnachtfeiern, Fasching, Verkehrserziehung und Sportfest …

Und dann??? Dann mussten Clemens Eltern leider lernen, dass nicht an jedem Ende eines Regenbogens ein Eimerchen voll Gold steht. Manchmal trifft man dort leider auch auf verschlossene Türen, widerspenstige Amtsschimmel und Berge voller „Geht nicht“!

Alle, die in den vier Jahren ein Teil von Clemens Leben waren, wünschten sich nichts Sehnlicheres, als seine Zeit an dieser wundervollen Schule ein wenig zu verlängern – aber die bösen Zaubersprüche aus dem sächsischen „Das haben wir ja noch nie gemacht“-Verwaltungsbuch ließen den gemeinsamen, inklusiven Traum wie eine Seifenblase zerplatzen.

Wir haben gelesen, geschrieben, geredet … gebettelt, gekämpft, geweint und gestritten. Gegen die übermächtige, uneinsichtig bürokratische Veraltungsarmee mit seinen 1000 Armen der Verhinderung waren wir machtlos. Mit eiserner Konsequenz schütteten sie jeden noch so kleinen Pfad der Möglichkeiten mit unsinnigen Argumenten zu.

Doch wie in jeder guten Geschichte gibt es für die ganz Tapferen am Ende immer ein kleines Happy End. Nachdem der starke Arm des Gesetzes uns die Türen zur Grundschule verriegelt und verschlossen hatte, stiegen wir – desillusioniert und fast schon ohne Motivation – auf den hohen Berg der letzten Hoffnung und hielten Ausschau in die nicht allzu vielfältige Schullandschaft der Oberlausitz. Und da … ganz hinten am Horizont, da war es: ein kleines Blinken, ein klitzekleines Funkeln. Fast einem Winken gleich stand dort die Evangelisch-diakonische Förderschule Löbau.

Clemens und seine Eltern zogen also aus ins 35 Kilometer entfernte Löbau und wurden dort mit offenen Armen in Empfang genommen. Die im gleichen Haus beheimatete Grundschule ließ das Pflänzchen der Hoffnung auf ein inklusives Leben für Prinz Clemens wieder wachsen. Hier fanden wir das, was wir im Kampf der vergangenen Monate schon verloren geglaubt hatten: ein echtes Interesse an Prinz Clemens und eine Chance auf die bestmögliche Entwicklung mit all seinen Stärken und auch Schwächen.

Bis zum „Umzug“ im September genießen Clemens und seine Eltern nun noch Familienzeit. Der Indoor-Prinz, der seine Freizeit nach wie vor lieber mit Alexa und Tablet auf der Couch verbringt, hat gelernt, Fußbälle zu schießen und mit Papa Tandem zu fahren, und akzeptiert auch mehr oder weniger widerwillig die vielen Stunden an der frischen Luft … Jaaaa, die ersten präpubertären Rebellionsversuche gehören seit kurzem auch zu unserem Alltag.

Und so feiern die Bewohner der Welt des tapferen Clemens weiterhin jeden sonnigen Tag ohne böse Briefe, genießen die gesunden Zeiten weit weg von Ärzten und Krankenhäusern und freuen sich auf eine erlebnisreiche Reise in die neue Schullandschaft.

Fotos: privat